Team 2015

Der im Jahr 1959 begründete, völkerrechtlich ausgerichtete Philip C. Jessup International Law Moot Court ist der größte und älteste internationale Studierendenwettbewerb. Jedes Jahr nehmen weltweit etwa 1500 Studierende von über 550 Universitäten teil. Die Veranstaltung wird alljährlich von der International Law Students Association (ILSA) organisiert.

In dem Wettbewerb treten die Teams in einem simulierten Rechtsstreit an, den zwei fiktive Staaten dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorlegen. Der gesamte Wettbewerb findet in englischer Sprache statt. Die Teams repräsentieren sowohl die Kläger- (Applicant) als auch die Beklagtenseite (Respondent). Der Rechtsstreit baut auf einem gedachten Sachverhalt, dem sogenannten Compromis, auf. Zunächst müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Argumentation in Schriftsätzen (Memorials) ausarbeiten. Im weiteren Verlauf werden die Parteien in mündlichen Verhandlungen (Pleadings) vertreten.

In den Vorentscheidungsrunden (National Rounds), die in Deutschland vom 4. bis 8. März 2015 zwischen 21 Teams ausgetragen wurden, konnten sich drei Teams für die internationalen Verhandlungen qualifizieren. Diese International Rounds finden jährlich in Washington, D.C., in diesem Jahr vom 5. bis 11. April, statt. Dort treten Universitäten aus der ganzen Welt gegeneinander an, um das Gewinnerteam zu ermitteln. Die Richterbank setzt sich in den nationalen und internationalen Entscheidungsrunden aus Professoren, Praktikern und Richtern des Internationalen Gerichtshofs zusammen.

Im Rahmen des Wettbewerbs lernen die Studierenden, sich mit der Materie des internationalen Rechts differenziert auseinanderzusetzen. Das sich an die Schriftsatzphase anschließende Auftreten vor einem renommierten Richtergremium ist als erster Einblick in die Praxis des internationalen Rechtslebens eine wichtige, weiterbildende Erfahrung. Auch ein Team der  Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nimmt unter Betreuung des Walther-Schücking-Instituts für Internationales Recht (WSI) seitBestehen des deutschen Nationalentscheids am Jessup Moot Court teil. Schon mehrfach konnten die Kieler Teams Erfolge erzielen.

So auch in diesem Jahr: Von 21 teilnehmenden Universitäten hat sich das Kieler Team in diesem Jahr für das Viertelfinale qualifizieren können und im deutschen Lokalentscheid den 6. Platz erreicht! Nach längerer Zeit hat es damit ein Kieler Team wieder auf einen der vorderen Plätze im Ranking schaffen können.

Die intensive Arbeit der vergangenen Wochen und Monate hat sich also gelohnt! Im Folgenden wird berichtet, wie dieses aufregende letzte halbe Jahr verlief und damit ein kleiner Eindruck von der ganz besonderen Erfahrung der Teilnahme am Jessup vermittelt.

Team 2015
Von links nach rechts: Liv Christiansen, Catharina Uekermann, Felix Telschow, Joschka Peters-Wunnenberg, David Schenk und Katharina Wommelsdorff (Head-Coach) [Es fehlen: Sinthiou Buszewski (Coach), Torben Herber und Christoph Beinlich (Betreuer)

Bereits im Juni veranstaltete das WSI für alle Interessierten eine Infoveranstaltung, in welcher die Inhalte und der Ablauf des Jessup Moot Courts ausführlich erklärt wurden. Ehemalige Teilnehmerinnen, Teilnehmer und Coaches berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen und beantworteten die zahlreichen Fragen der Anwesenden.

Im Rahmen des Bewerbungsverfahrens wurden die potentiellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen, sich mit ihrem Lebenslauf und einem Motivationsschreiben auf Englisch für die Aufnahme ins Team vorzustellen. Nach Abschluss der Bewerbungsrunde stand dann das fünfköpfige Team fest: Liv Christiansen, David Schenk, Felix Telschow, Catharina Uekermann und Joschka Peters-Wunnenberg. Zum Einstieg in die Arbeit mit dem Sachverhalt, für eine grobe Einschätzung der Englischkenntnisse und nicht zuletzt zu einem ersten Kennenlernen der Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die kommenden Monate bereiteten die neuen „Mooties“ einen jeweils 10-minütigen Vortrag zu den diesjährigen Themenbereichen des Compromis vor. Diese Schwerpunktgebiete werden im Rahmen des sogenannten „Compromis-Announcements“ bereits Mitte Juni seitens der ILSA bekanntgegeben. Schon da wurde schnell klar, dass die Themen dieses Jahressehr spannend und rechtlich herausfordernd werden würden.

Anfang September wurde – mit Spannung erwartet – der Compromis, eine Vereinbarung zwischen den fiktiven Hauptakteuren des diesjährigen Sachverhalts, den Staaten Agnostica und Reverentia, veröffentlicht. Darin einigen sich Staaten, ihre Streitigkeiten vor dem Internationalen Gerichtshof klären zu wollen. Der Compromis hatte einen Umfang von 21 Seiten und enthielt eine Fülle an Fakten, die es beiden Parteien ermöglichten, ihre jeweilige Position mit plausiblen Argumenten vertreten zu können. Er war dabei so konzipiert, dass es keine eindeutige Gewinner- und Verliererseite gab. Vielmehr hatte jede Partei die Möglichkeit, mit Wissen und Argumentationsgeschick von ihrem Standpunkt zu überzeugen.

In diesem Jahr ging es u. a. um die Auslegung völkerrechtlicher Verträge sowie – besonders aktuell angesichts der Vorkommnisse in der Ukraine – um die Sezession einer Provinz und die Annexion derselben durch einen anderen Staat. Eine auf dem Staatsgebiet von Agnostica lebende Minderheit, die sogenannten Agnorevs, strebten eine Abspaltung von ihrem Heimatstaat Agnostica an. Dabei wurden sie von Reverentia unterstützt und letztlich annektiert bzw. integriert.

Als weiterer Streitpunkt zwischen den beiden Staaten wurde die fiktive „Marthite Convention“aus dem Jahr 1938 behandelt, ein bilaterales Abkommen, das den Abbau und Verkauf von Marthite regelte. Marthite ist – so die Ersteller des Compromis – ein nur auf dem Gebiet von Agnostica vorkommendes Mineralsalz, zu dem im Verlaufe der Sachverhaltsentwicklung und –darstellung neue Erkenntnisse einer heilenden medizinischen Wirkung gewonnen wurden. Aufgrund des damit verbundenen höheren Marktwertes des Rohstoffs versuchten beide Staaten, das Salz möglichst profitabel zu bewirtschaften und die Marthite Convention jeweils zu ihren Gunsten auszulegen und sich von ihren vertraglichen Verpflichtungen zu lösen.  Dabei bot der Sachverhalt Anregung zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit – teils sehr spezifischen, teils auch allgemeineren –spannenden Fragen des Völkerrechts. Aufgrund der hervorragenden Recherche-Möglichkeiten in der Fachbibliothek des WSIs konnte sich das Team recht schnell einen guten Überblick über die Themenbereiche und die damit verbundenen Problemfelder erarbeiten.

Etwa einen Monat nach Veröffentlichung des Sachverhalts wird den teilnehmenden Teams seitens der Organisatoren zudem regelmäßig eine erste Sammlung an Dokumenten zur Verfügung gestellt, die Hinweise auf besondere Problembereiche liefern kann. Verbunden mit einer zweiten Materialauswahl im Dezember werden den Teams zudem eine Übersicht der im Sachverhalt unklar dargestellten Umstände und eine Korrektur von Fehlern zugesandt.

Ab etwa diesem Zeitpunkt begann die besonders intensive Arbeit an den Schriftsätzen. Während die Teammitglieder bislang weitestgehend alleine an den von ihnen ausgewählten Einzelteilen (den jeweiligen Claims) gearbeitet hatten, wurde nun angestrebt, möglichst häufig zusammen zu arbeiten, um bis Mitte Januar, dem Termin der Schriftsatzabgabe, zu einem Memorandum „aus einem Guss“ zu kommen.

In diesem Jahr betreute Katharina Wommelsdorff, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Nele Matz-Lück, das Team hauptverantwortlich und mit großem Einsatz. Mit Sinthiou Buszewski wurde das Team daneben von einer weiteren wissenschaftlichen Mitarbeiterin des WSIs (Prof. Dr. Andreas von Arnauld) tatkräftig angeleitet. In regelmäßigen Besprechungen mit dem Team gaben die beiden Coaches etwa Anregungen zu weitergehender Recherche und besprachen die bisherigen Schriftsatzentwürfe. In vielen Tagen (und einigen Nächten, insbesondere gen Fristablauf),geprägt von intensiver Durchsicht, Prüfung, Umformulierungen – aber auch mit jeder Menge Spaß, der einen oder anderen Pizza-Bestellung ins Institut und vor allem großem Teamgeist –konnten so die Mooties ihre Memorials Mitte Januar fristgemäß fertigstellen und versenden.

Neben der inhaltlichen Arbeit war es daneben aber auch immer wieder erforderlich, sich im Rahmen einer umfangreichen Sponsorenakquiseum eine Finanzierung der kostenintensiven Teilnahme am Jessup zu bemühen. Insbesondere die Antrittsgebühr und die Reise zur nationalen Entscheidungsrunde sind für die Studierenden regelmäßig nicht eigenständig zu tragen. Das Team ist deshalb in jedem Jahr auf eine auswärtige Unterstützung angewiesen. Diese Hilfe wurde uns großzügig gewährt seitens des Alumni Kiel e.V., der Druckerei „Satz-Studio Mikowski“, des Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“ CAU zu Kiel, Herrn Prof. Dr. Peter Rawert, LL.M. (Exeter), der Prof. Dr. Werner Petersen-Stiftung, Herrn Rose von MLP in Kiel und des Schleswig-Holsteinischen Anwalts- und Notarverbands e.V.

Kurz nach Abgabe der Schriftsätze begann bereits die Vorbereitung auf die mehrtägigen mündlichen Verhandlungen, welche in diesem Jahr in Heidelberg ausgetragen wurden. Die Vorbereitungszeit bestand vor allem aus Probeverhandlungen, welche die Coaches zusammen mit den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts in den Räumlichkeiten des WSIs durchführten. Eine besondere Übung stellte in diesem Zusammenhang eine öffentliche Probeverhandlung dar, bei der die Richterbank aus Frau Prof. Dr. Nele Matz-Lück, Frau Prof. Dr. Kerstin von der Decken und Herrn Prof. Dr. Sebastian Graf von Kielmansegg bestand. Hierzu waren Studierende der CAU und Gäste herzlich eingeladen, die somit das spannende Pleading „live“ miterleben konnten.

Bei einem intensiven Workshop-Wochenende mit James Chegwidden, einem Anwalt aus London, der sich auf die Vertretung von Menschenrechtsfällen spezialisiert hat, wurden schließlich kurz vor dem Wettbewerb noch einmal die Präsentationstechniken verfeinert, der Vortrag in möglichst freier Rede und eine geschickte, überzeugende Beantwortung von Fragen trainiert. Neben all der Arbeit gab der Workshop aber auch Gelegenheit zu einem entspannten Zusammensitzen in einer der gemütlichen Kieler Lokalitäten. Schön war dabei auch der angeregte Austausch zu den Unterschieden des englischen und deutschen Rechtssystems sowie der praktischen Durchsetzung von Menschenrechten, von der James anekdotisch berichtete, was von allen Seiten sehr genossen wurde.

Und dann endlich Heidelberg, auf das sich alle bereits seit Wochen gefreut hatten! Bei den sogenannten National Rounds tritt jede teilnehmende Universität gegen vier andere deutsche Universitäten an, wobei zwei Mal die Position als Kläger- und zweimal die Position als beklagte Partei eingenommen wird. Die acht besten Teams stellen sich dann einem Viertelfinale, um sich dort für das Halbfinale sowie schließlich das Finale zu qualifizieren. Die drei besten Teams dürfen an den International Rounds in Washington, D.C. teilnehmen.

Den ersten Platz erreichte die Humboldt-Universität aus Berlin, den zweiten Platz belegte die Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Team der Universität Hamburg, gegen das die CAU letztlich ausgeschieden ist, hat Deutschland als dritte Universität auf internationaler Ebene vertreten.

Die Zeit in Heidelberg war für uns alle – Teammitglieder, Coaches und Betreuer – ein ganz besonderes Erlebnis! In einer Mischung aus viel Arbeit an den Pleadings (insbesondere als man nach der „Welcome Reception“ am ersten Abend endlich die ungeduldig erwarteten Schriftsätze der gegnerischen Teams in Händen hielt), der Aufregung des Vortragens vor diesen außerordentlichen Richtergremien, gemeinsamen Abendessen, „Sightseeing“, Spaß und Feiern, Ausgehen und Tanzen … vergingen die Tage wie im Flug. Nicht nur hat uns diese Zeit noch einmal zusammengeschweißt – wir haben in diesen Tagen auch viele interessante, tolle Menschen aus Deutschland und aller Welt kennengelernt und Kontakte geknüpft, die über die Teilnahme am Jessup hinausgehen. 

Unsere gute Platzierung in diesem Jahr spornt uns an, unsere Erfahrungen des letzten halben Jahres an die nachfolgenden Mooties weiterzugeben und es als Kieler Team in Zukunft zu den internationalen Verhandlungsrunden in Washington zu schaffen. Doch auch ohne diese Qualifizierung war die Teilnahme am Jessup Moot Court für jedes einzelne Teammitglied und für das Team insgesamt ein voller Erfolg!  Es ist wohl mit eine der schönsten und prägendsten Erfahrungen, die man während des Studiums machen kann.

Neben dem Völkerrecht selbst und einer Vertiefung englischer Sprachkenntnisse lernt man wissenschaftliches Arbeiten sowie das Arbeiten im Team und gewinnt Durchhaltevermögen. Das Walther-Schücking-Institut hat uns dabei das halbe Jahr über mit aller Kraft geholfen. Wir erhielten unser eigenes Büro und uneingeschränkten Zugang zu den Ressourcen der Bibliothek. Unsere Coaches und viele andere Mitglieder des Instituts – das Direktorium, die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer – haben uns durchgehend mit Rat und Tat unterstützt.

An dieser Stelle möchten wir uns deshalb noch einmal ganz herzlich bedanken

Der Erfolg eines Teams steht und fällt mit dem Engagement seiner Coaches. Der größte Dank gilt daher unserem Head-Coach Katharina Wommelsdorff, die sich zu jeder Tages- und Nachtzeit für das Team eingesetzt hat und uns fachlich wie menschlich immer zur Seite stand. Ein weiterer besonderer Dank geht an Sinthiou Buszewski, die uns ebenso als Coach die gesamte Zeit unterstützt hat und vor allem durch ihre Jessup-Erfahrung zu einem besseren Team gemacht hat-. Ohne eure Unterstützung, Anleitung und eure wertvollen Ratschläge während der letzten sechs Monate, wäre unsere Teilnahme am Jessup nicht annähernd so erfolgreich verlaufen, dafür danken wir euch von Herzen.

Darüber hinaus möchten wir uns auch ganz besonders bei dem Direktorium des Walther-Schücking-Instituts bedanken, allen voran bei Frau Prof. Nele Matz-Lück als betreuender Professorin, die uns für unsere Fragen stets zur Verfügung stand, sowie bei Frau Prof. Kerstin von der Decken und Herrn Prof. Andreas von Arnauld. Die hervorragenden Recherchemöglichkeiten am Institut haben uns den Einstieg und die Auseinandersetzung mit dem internationalen Recht erleichtert und zum Erfolg des Teams beigetragen.

Besonders möchten wir uns bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern Erik van Doorn und Avril Rushe bedanken. Erik van Doorn hatte als unser Büronachbar stets eine offene Tür und ein offenes Ohr für das gesamte Team. Avril Rushe stand uns während der gesamten Zeit sprachlich zur Seite und hat dadurch ebenso wie Erik van Doorn zu unserem Erfolg beigetragen.

Nicht zu vergessen sind die ehemaligen Teilnehmer Torben Herber und Christoph Beinlich, die uns als Betreuer in Heidelberg tatkräftig unterstützt haben. Vor Ort konnten wir nicht nur von ihren fachlichen und organisatorischen Jessup-Erfahrungen profitieren, sondern auch von ihren Fahr- und Kochkünsten.

Ohne die ideelle und finanzielle Unterstützung unserer Sponsoren wäre uns dieser hervorragende Erfolg sicherlich nicht gelungen. Für Ihre Hilfe möchten wir uns noch einmal ganz besonders herzlich bedanken!

 

  • Alumni Kiel e.V.
     
  • Druckerei Satz-Studio Mikowski
     
  •  mlp
     
  • ozean_der_zukunft
     
  • Petersen_Stiftung
     
  • Herr Prof. Dr. Peter Rawert, L.L.M. (Exeter)
     
  • Schleswig-Holsteinischer Anwalts- und Notarverband e.V.