Erfahrungsberichte

Der Philip C. Jessup International Law Moot Court fand erstmals 1959 statt und ist der teilnehmerreichste und älteste völkerrechtliche Moot Court der Welt. Etwa 1.500 Studierende von über 700 Universitäten nehmen jährlich daran teil, so auch das Walther-Schücking-Institut (WSI) für Internationales Recht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Hier lesen Sie den Erfahrungsbericht aus dem vergangenen Jessup-Jahr. Weitere Erfahrungsberichte finden Sie im Archiv.

 

Team 2021
 

Team 2021

Vorbereitungen

Im Jahr 2020 sorgte die COVID-19-Pandemie dafür, dass die Studienbedingungen sich drastisch änderten. Doch der Jessup Moot Court sollte auch trotz einer Pandemie nicht ausfallen. So erreichte uns am 11. September 2020 der Sachverhalt, der von der International Law Students Association (ILSA) für den Wettbewerb 2020/21 veröffentlicht wurde. Im Zentrum standen dabei Streitigkeiten im Gebiet des Völkerrechts zwischen den fiktiven Staaten Aprepluya (Applicant) und Ranovstayo (Respondent). Dabei ging es vorwiegend um Einreisebeschränkungen während der fiktiven Pandemie „J-VID 18“ sowie um die Labortechnikerin Keinblat Vormund, die Asyl in einem Konsulat erhielt und später beim Abschuss eines Zivilflugzeugs ums Leben kam.
In den folgenden Monaten setzten wir uns neugierig und intensiv mit aktuellen Fragen des internationalen Gesundheitsrechts, der Staatenverantwortlichkeit, des Diplomaten- und Konsularrechts, des Asylrechts, der Zuständigkeiten des Internationalen Gerichtshofs, des internationalen Luftfahrtrechts und des Rechts auf Selbstverteidigung auseinander.
Eine Besonderheit in unserem Team war, dass wir alle noch ,,Neulinge“ im Völkerrecht waren. Diese Gemeinsamkeit ließ uns allerdings in der intensiven Phase der Erarbeitung der Schriftsätze (Memorials) nur noch enger zusammenwachsen. Trotz der Coronapandemie hatten wir dank der uns ermöglichten Nutzung von Büros, der umfangreichen Fachbibliothek und des freundlichen Austausch mit Mitarbeiter:innen des WSI vergleichsweise angenehme Umstände für die Recherche und das Schreiben der Memorials.
Nachdem unsere fertigen Memorials am 6. Januar 2021 abgegeben wurden, begann nach einer kurzen Entspannungspause das Training der mündlichen Plädoyers (Pleadings). Als Schwierigkeiten erwiesen sich dabei zunächst die Tatsachen, dass sich kurzfristig in unserem Team die spätere Konstellation aus drei Plädierenden ergab und die Probepleadings nur online per Videokonferenz stattfinden konnten. Mit diesen Bedingungen fanden wir uns jedoch schnell zurecht und erhielten beim Training und auch bei der Verfeinerung der Pleadings tolle Unterstützung aus der WSI-Familie. Am 22. Februar konnten wir dann bei unserer Generalprobe den frisch errichteten Multimediaraum des WSI einweihen und unsere Pleadings bei einer Online-Veranstaltung ein letztes Mal vor den Wettbewerbsrunden üben. Somit gingen wir trainiert und motiviert in die National Rounds.
Wir bedanken uns für ihre Zeit, ihr Feedback und ihre Unterstützung in der Vorbereitungsphase bei den Rechtsanwälten Sebastian Wuschka, Dr. Richard Happ und Tim Rauschning von der Kanzlei Luther, den Rechtsanwält:innen Malte Lück, Sigrid Graw und Marius Potthoff von der Kanzlei Ruge Purrucker Makowski RPM, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Liv Christiansen, Prof. Dr. Florian Becker, Prof. Dr. Sebastian Graf von Kielmansegg, dem ehemaligen Richter am internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien Christoph Flügge sowie bei der gesamten WSI-Familie und ihren Freund:innen.

Teamsitzung 2021

National Rounds (24. Februar bis 27. Februar 2021)

Aufgrund der COVID-19-Pandemie mussten auch die National Rounds virtuell stattfinden. Dafür durften wir uns mit unseren Coaches im WSI zusammenfinden und konnten die Tage des Wettbewerbs, anstatt aus dem eigenen Wohnzimmer, doch noch als gemeinsame Erfahrung verbringen. Natürlich fanden die gemeinsamen Wettbewerbstage „coronakonform“ mit viel Abstand und Masken sowie in Absprache mit der Universität statt. 
Am Mittwochabend wurden die National Rounds offiziell eröffnet, woraufhin wir die Memorials unserer Gegnerteams erhielten und uns bis in den späten Abend eifrig auf die nächsten Duelle vorbereiteten.
Am Donnerstagmorgen fand dann gleich das erste Duell unserer Applicants aus dem Multimediaraum des WSI gegen unsere virtuellen Gastgeber:innen der Friederich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg statt. Am Nachmittag desselben Tages waren dann zum ersten Mal unsere Respondents gegen die Ruhr-Universität Bochum an der Reihe. Am Abend bereiteten wir uns noch auf den nächsten Tag vor, bevor wir uns über wohlverdienten, aber dennoch kurzen Schlaf freuen durften. Am Freitagmorgen traten direkt aufeinanderfolgend unsere Applicants gegen die Georg-August-Universität Göttingen und unsere Respondents gegen die Universität Hamburg an. Daher konnten wir uns den Rest des Tages bis zum Announcement Dinner ausruhen.
Auch wenn die Duelle für uns in den gewohnten Räumen des WSI stattfanden, waren die Vorrundenduelle in den National Rounds für uns trotzdem sehr aufregend und beeindruckend. Und obwohl die Reiseerfahrung pandemiebedingt entfiel, war es ebenso schön, während dieser Tage die Unterstützung unserer Coaches und der gesamten WSI-Familie vor Ort zu spüren. 
Beim Announcement Dinner hatten wir noch die Hoffnung, uns für die nächste Runde qualifizieren zu können, weshalb etwas Enttäuschung aufkam, als unsere Teamnummer nicht genannt wurde. Doch trotzdem machten wir noch das Beste aus dem Abend und konnten uns am Folgetag nach den Preisverleihungen in Breakout-Rooms mit Judges, Coaches und Mooties der anderen Universitäten austauschen, die ebenso wie wir diese außergewöhnliche Erfahrung gemacht haben.
Uns war dennoch bewusst, dass unsere Jessuperfahrung damit noch nicht ihr Ende fand. Zwar würden normalerweise nur die drei bestplatzierten Teams der National Rounds für die International Rounds in Washington D.C. qualifiziert sein. Doch da es absehbar war, dass die International Rounds auch nur virtuell stattfinden konnten, durften erstmalig alle weltweit angemeldeten Teams an den International Rounds teilnehmen.

Albert Schlosser has the floor

International Rounds (9. März bis 18. April 2021)

Im Anschluss an die National Rounds genossen wir erstmal ein paar freie Tage, um das Schlafdefizit des Wochenendes und der vergangenen Wochen wieder aufzuholen. Wieder etwas frischer und voller Neugier auf die bevorstehenden Begegnungen mit internationalen Teams starteten wir am 09. März 2021 in die Global Rounds. Als erstes Team des WSI seit über zehn Jahren kam uns diese Ehre zuteil – und im Nachhinein war es für uns der vielleicht sogar spannendste Part des gesamten Jessup. Angefangen haben wir mit zwei Exhibtion Rounds gegen ein Team aus Indien und eines aus Bangladesch, wobei die letzteren nicht zum Pleading aufgetaucht sind. Insgesamt gab es immer mal wieder kleine Nervenkitzel dieser Art: Mal tauchte ein Richter nicht auf, ein anderes Mal brach das Internet unserer Gegner:innen ab oder unser Team hatte „technical difficulties“ (inoffizielles Wort des Jessup 2021) und schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Pleading. Trotz all dieser kleinen Umstände waren die Pleadings großartig und haben immer wieder aufs Neue Freude bereitet. Wann sonst hat man im Studium mal die Möglichkeit, juristische Argumente mit anderen Studierenden aus Indien, den USA, Estland, Russland, Türkei, Rumänien und China auszutauschen? Und auch die Richter:innenbank war jedes Mal bunt durchmischt. Wir durften in Kontakt kommen mit Anwält:innen und Professor:innen aus aller Welt, einer Verteidigerin am IStGH, einer Special Assistant United States Attorney, einer ehemaligen Executive Director der ILSA und vielen anderen spannenden Menschen. Schon allein dafür hat sich all die Kraft und Aufregung der letzten Monate gelohnt!
Nach den Exhibition Rounds, die nur der Übung dienten, und den darauffolgenden vier Duellen während der Preliminary Rounds hieß es hoffen und warten. Durch den internationalen Charakter kam es immer mal wieder zu ungewohnten Zeiten und so saßen wir eines Sonntagmorgens um 01.00 Uhr jeweils vor unseren Laptops, um auf die Ergebnisse der ersten Runde zu warten. Die Teams, die weiterkamen, wurden jeweils nach Ländern aufgerufen und spätestens als „Germany“ an der Reihe war, konnte uns nichts mehr auf den Stühlen halten, denn: Wir waren weiter! Damit hatten wir nicht gerechnet und umso ausgelassener war unsere Stimmung nach der Verkündung. Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass wir nochmal gegen vier weitere Teams antreten mussten. Zwei unserer Matches während der White&Case Advanced Rounds fielen sogar auf Ostersonn- und -montag. Aber auch das war irgendwie eine schöne Lehre des Jessups: Dass in der Welt nicht immer alles auf Europa oder die christliche Kultur zentriert ist und ein Pleading dann auch mal am höchsten christlichen Feiertag stattfindet.

Alea Kobbe has the floor
Letztendlich haben wir es international auf Platz 76 von über 700 teilnehmenden Teams geschafft. Natürlich fragt man sich im Nachgang immer „Woran hat es gelegen?“ und es gab sicherlich einige Momente, in denen wir uns ein noch besseres Ergebnis gewünscht hätten. Mit mittlerweile einigen Wochen Abstand bleibt jedoch nur noch ein Gefühl zurück, und das würden wir als tiefen Stolz bezeichnen. Wir haben es geschafft! Und zwar trotz Corona, das nicht nur persönlich belastend war, sondern auch den Kontakt zu unseren Coaches auf Online-Treffen und Telefonate beschränkt hat. Trotz der Situation, dass wir uns sechs Wochen vor den National Rounds auf eine neue Pleadingkonstellation einstellen mussten und eine Person spontan für die Applicant- und Respondent-Seite auftrat. Aber selbst, wenn all das nicht gewesen wäre, bleibt immer noch der unermessliche Erfahrungs- und Wissenszuwachs im letzten Dreivierteljahr, der stolz und glücklich zugleich macht.
Daher bleibt uns jetzt nur noch eins zu tun: Danke sagen!
Zu allererst an unsere unvergleichlichen Coaches Cora Masche als Headcoach sowie unsere Studentcoaches Maximilian Jacob, Lukas Jürgensen und Fabian Richter. Danke, dass ihr immer für uns da wart, dass ihr ein halbes Jahr unsere mehr oder weniger glorreichen geistigen Ergüsse ertragen und uns trotzdem immer weiter vorangebracht habt! 
Ein großer Dank gilt weiterhin dem WSI. Danke an die Direktori:innen Prof.‘in von der Decken, Prof.‘in Matz-Lück und Prof. von Arnauld, dass Sie dieses Projekt mit allen Mitteln, zwei eigenen Büros, ihren Angestellten und vielem mehr überhaupt ermöglicht haben! Weiterhin kam ein nicht unerheblicher Teil an Unterstützung von den Wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen. Egal ob in den gemeinsamen Mittagspausen (damals, als es noch möglich war) oder später während der Pleadingphase per Videokonferenz – eure Gedanken zu unseren Claims haben uns inhaltlich ungemein weitergebracht.
Würden wir den Jessup nochmal machen? Ein zweites Mal wohl eher nicht. Aber allen, die überlegen, selbst einmal daran teilzunehmen, sei gesagt: Es ist die Chance eures Lebens (oder zumindest eures Studiums) – ergreift sie!