Erfahrungsbericht Team 2017

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Team (v.l.n.r.): Nathalie Zavazava, Nora Harder, Alena Kunstreich, Armine Usojan, Josephine Freytag

Head Coaches: Isabelle Haßfurther und Jens Kaiser

Student Coaches: Henning Büttner und Marvin Schwope

National Rounds: Gesamtwertung Platz 5 von 20, Combined Memorials Platz 6 von 20, Respondent Memorials Platz 3 von 20, Einzelwertung Platz 4 von 76 (Armine Usojan)

International Rounds: Observation Team

 

Der Phillip C. Jessup International Law Moot Court wurde 1959 gegründet und ist der größte und älteste völkerrechtliche Moot Court weltweit. Etwa 1500 Studierende von über 550 Universitäten nehmen jährlich daran teil, wie auch das Walther-Schücking-Institut (WSI) für Internationales Recht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dieses Jahr ist ein reines Mädels-Team angetreten.

Vorbereitungen

Am 12. September 2016 wurde der diesjährige „Compromis“, ein 22-seitiger Schriftsatz der den Sachverhalt des Falls „Sisters of the Sun“ schilderte, veröffentlicht. Der diesjährige Jessup-Fall betraf die beiden fiktiven Staaten Atania (Applicant) und Rahad (Respondent). Auch dieses Jahr waren hochaktuelle völkerrechtliche Probleme Gegenstand des fiktiven Falles, nämlich die Nutzung grenzübergreifender Wasserressourcen, die Zerstörung und der Schutz von kulturellem Erbe, das Eigentum und der Besitz an beweglichen Kulturgütern und Kompensationszahlungsansprüche gegen ein flüchtlingsverursachendes Land. Diese Streitigkeiten wurden in den darauffolgenden vier Monaten von uns analysiert und die rechtlichen Fragen behandelt. In diesen vier Monaten wurde das Arbeitspensum immer weiter erhöht, bis hin zu einem Tag, an dem wir 24 Stunden durchgearbeitet haben, damit wir die Schriftsätze bis zum 13. Januar 2017 einreichen konnten.

Im Anschluss an die schriftliche Phase begann für uns die Vorbereitung auf die mündliche Verhandlung in Passau im März 2017. Täglich wurde drei Stunden lang eine Verhandlung vor dem Internationalen Gerichtshof durchgespielt, in der wir als Vertreter der beiden Staaten auftraten und von Mitarbeitern des WSI gerichtet wurden. Die restliche Zeit des Tages nutzten wir für weitere Recherchen, um unsere Kenntnisse und die rechtlichen Argumente zu verstärken. Intensiviert wurde unsere Vorbereitung durch einen zweitägigen Ausflug an das Otto-Bagge-Kolleg in Sehlendorf. Hier wurden täglich drei Verhandlungen durchgespielt, wobei wir von Mitarbeitern und Hiwis des WSI tatkräftig unterstützt, gerichtet und bewertet wurden. Die Gelegenheit diese Fortschritte unter Beweis zu stellen, bekamen wir bei drei Übungs-Verhandlungen in den Hamburger Großkanzleien Luther, Hanefeld und Gleiss Lutz. Hierbei fungierten Anwälte dieser Kanzleien als Richter, und gaben uns wertvolle Tipps um unsere Präsentationen noch weiter zu verbessern. Einen Einblick in die Realität eines Anwaltes im Völkerrecht bekamen wir bei unserem Ausflug zum Internationalen Seegerichtshof in Hamburg, wo wir einer Verhandlung zwischen Ghana und Côte d‘Ivoire zusehen und erste Eindrücke einer internationalen Gerichtsverhandlung sammeln konnten.

National Rounds

Am Dienstag dem 7. März 2017 traten wir dann endlich unsere neunstündige Zugfahrt nach Passau an. Nach einer letzten Generalprobe in unserem Hotel am Mittwoch nahmen wir als Team an der Stadtführung durch Passau teil und konnten somit auch schon einige unserer Gegner in netter Umgebung kennenlernen. Auf dem am gleichen Abend stattfindenden Begrüßungsempfang wurden die nationalen Vorrunden offiziell eröffnet. Im Anschluss erhielten wir die Schriftsätze unser ersten Gegner, die der Humboldt-Universität, der Universität Münster, der Universität Düsseldorf und der Universität Erlangen. Die Vorrunden am Donnerstag und Freitag verliefen sehr positiv und die Nervosität schwand. Schließlich wurden Freitagabend während des „Announcement Dinners“ die acht Teams bekanntgegeben, die sich für die K.O.-Runden qualifizieren konnten. Als letzte Paarung wurde endlich das Kieler Team aufgerufen. Wir hatten es geschafft! Am nächsten Morgen traten wir im Achtelfinale gegen die Universität Heidelberg an. Obwohl wir recht zufrieden waren, fiel die Entscheidung knapp gegen uns aus, sodass wir aus dem Wettbewerb ausgeschieden waren. Es blieb uns aber genügend Zeit, die Enttäuschung des Vormittags zu vergessen und die Feierlaune für den letzten Abend – das „Championship und Award Dinner“ – wieder auszupacken. Einen kleinen Fußmarsch entfernt erwartete uns die Crew des Galaschiffs Regina Danubia. In einem traumhaft schönen Ambiente hatten wir einen unvergesslichen letzten Abend, an dem wir viele nette Gespräche mit anderen Teammitgliedern, Richtern des Internationalen Gerichtshofs und des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Anwälten großer Kanzleien führten.

Damit aber war unser Jessup-Abenteuer noch nicht vorbei. Wir bekamen die unglaubliche Chance, als „Observer-Team“ zu den internationalen Runden nach Washington D.C. zu fliegen!

International Rounds

Früh am 9. April 2017 um 10 Uhr begannen die „International Rounds“ für uns mit der offiziellen Registrierung aller Teams im Hyatt Hotel. Neben unseren Namensschildern und unserem Terminkalender als „Bailiffs“ (Gerichtsdiener) hatten wir die Gelegenheit, uns an zahlreichen Infoständen von amerikanischen Universitäten über verschiedene rechtswissenschaftliche Programme beispielsweise an der Columbia University oder Miami Law School zu informieren und erste Kontakte zu knüpfen. Ab Montag mussten wir uns dann als „Bailiffs“ in insgesamt 16 Vorrunden beweisen. In jeder Runde konnten wir Erfahrungen sammeln, sowohl was die Argumentation des Falls betraf als auch in Hinblick auf die Präsentation dieser Argumente. Dabei kamen wir auch schnell mit den Teams und Richtern ins Gespräch, die wir alle am Mittwochabend bei der „Announcement Party“ in einem Club in Washington wiedertrafen. Die Party erreichte ihren Höhepunkt mit der Bekanntgabe der 32 Teams, die in die K.O.-Runden einziehen durften. Einen besonderen Grund für unsere ausgelassene Feierlaune gab uns die Humboldt-Universität zu Berlin, die der Wettbewerb bis ins Viertelfinale führte. Herzlichen Glückwunsch!

Während die Humboldt-Universität zu Berlin noch um den Einzug in die nächste Runde kämpfte, hatten wir die Gelegenheit mit den anderen Teams aus Deutschland die Botschaft in Washington zu besuchen. Bei einem interessanten Vortrag wurde uns ein kleiner Einblick in die tägliche Arbeit vor Ort gegeben. Abends fand dann der „Go-National Dress Ball“ statt. Wer den Einzug ins Viertelfinale verpasst hatte, hatte abends Gelegenheit mit den anderen Teams, den Richtern und den freiwilligen Helfern zu feiern. Das Besondere am „Go-National Dress Ball“ ist, dass jedes Team entweder in landestypischer Kleidung kommt oder sich eine kreative Verkleidung überlegt. Diese kann ebenfalls das Land repräsentieren oder auch Charaktere aus dem aktuellen Fall. So traf man dieses Jahr die „Savali Pipeline“, das „Greater Inata Aquifer“ oder auch die „Sisters of the Sun“. Viele sagen, dass der „Go-National Dress Ball“ eines der besten Events der International Rounds ist und wir können das nur bestätigen. Nirgendwo sonst treffen wohl so viele unterschiedliche Kulturen an einem Abend aufeinander, lernt man Tänze, die man noch nie vorher gesehen hat und hört Musik, die man wohl nie wieder (freiwillig) hören wird.

Die University of Sydney, Australien und die Norman Manley Law School, Jamaika, erreichten schließlich das Finale. Für Jamaika war es das erste Mal, dass ein Team es in den Internationalen Runden in das Finale geschafft hat und vor namenhaften Richtern wie den ehemaligen IGH-Richtern James Crawford und Bruno Simma sowie Patrick Robinson (seit 2015 Richter am IGH) plädieren durfte. Ein spannendes Pleading mit einem verdienten Gewinner: University of Sydney!

Neben aller Aufregung und Anspannung durfte natürlich die Freizeit nicht zu kurz kommen. Unmittelbar nach unserer Ankunft in den Vereinigten Staaten blieben uns noch zwei Tage vor Wettbewerbsbeginn, um einen Kurztrip nach New York zu machen. Einen einzigartigen Ausblick über die Weltstadt ermöglichte uns das „Top of the Rock“ auf dem Dach des Rockefeller Centers. Tagsüber picknickten wir im bereits zum Teil blühenden Central Park, während wir abends den typischen Großstadttrubel auf dem Broadway sowie dem Times Square genossen. Wir schauten uns außerdem das 9/11 Memorial an, wo einst die Twin Towers standen.

Als Regierungssitz und Hauptstadt der Vereinigten Staaten steht in Washington D.C. neben dem Weißen Haus auch der Supreme Court der USA sowie das Kapitol, das den Kongress beherbergt. Oft hatten wir die Chance, uns nach oder zwischen zwei Runden die Beine auf der rund 3 Kilometer langen Nationalpromenade vom Kapitol bis hin zum Lincoln Memorial zu vertreten. Vorbei am Washington Monument besichtigten wir außerdem das National World War II Memorial und das Martin Luther King, Jr. National Memorial.

So manchen Abend ließen wir bei sommerlichen Temperaturen am Reflecting Pool ausklingen, der bei Dunkelheit rundherum beleuchtet wird. An einem eher untypisch kühleren Tag bot es sich außerdem an, das bekannte National History Museum sowie das American History Museum zu besuchen. Schließlich hatten wir sogar die Chance, einen Ausflug nach Pentagon City im Nachbarstaat Virginia zu machen. Neben einem riesigen Einkaufszentrum sind besonders das Pentagon und der angrenzende, unwahrscheinlich große Nationalfriedhof Arlington sehenswert.

Die Internationalen Runden waren für uns ein einzigartiges Erlebnis. Teams, Coaches und Richter aus aller Welt sind zusammengekommen, um den Geist des Jessup aufleben zu lassen. Untereinander herrschte eine freundschaftliche Atmosphäre, was dem ganzen Wettbewerb noch mehr Charme gab!

Fazit

Rückblickend können wir sagen, dass der Jessup die schönste Zeit in unserem bisherigen Studium war. Wir haben uns sowohl persönlich als auch als Team weiterentwickelt und viel dazu gelernt. Zudem haben wir nicht nur an fachlichem Wissen gewonnen, sondern auch tolle Menschen kennengelernt. Wir können es kaum erwarten, dem nächsten Kieler Jessup-Team unsere Erfahrungen mitzugeben und diese wundervolle Zeit nochmal mitzuerleben – und das auch noch in der Heimat! An dieser Stelle möchten wir einen ganz besonderen Dank für unsere vier wunderbaren Coaches Jens Kaiser, Isabelle Haßfurther, Henning Büttner und Marvin Schwope aussprechen, die uns mit Rat und Tat in jeder Situation unterstützt haben, viel Geduld mit uns hatten und nie den Glauben an uns verloren haben. Auch möchten wir uns herzlich bei dem Walther-Schücking-Institut bedanken, das uns tatkräftig bei der Vorbereitung unterstützt hat!

Schließlich bedanken wir uns herzlich bei unseren Sponsoren für ihre Unterstützung.

Wir freuen uns auf das kommende Jahr!

Team 2017 mit Coaches und Richter in Passau
(v.l.n.r.) Isabelle Haßfurther (Coach), Marvin Schwope (Coach), Nathalie Zavazava, Nora Harder, Armine Usojan, Henning Büttner (Coach), Andreas von Arnauld (Judge), Josephine Freytag, Jens Kaiser (Coach), Alena Kunstreich