IV. Das Walther-Schücking-Institut heute

Westring 400Heute bilden Kerstin von der Decken (*1968), die 2011 als Nachfolgerin Zimmermanns aus St. Gallen nach Kiel kam, Nele Matz-Lück (*1973), die im selben Jahr die Seerechts-Professur übernahm, und Andreas von Arnauld (*1970), der 2013 von Münster auf die Nachfolge Giegerichs wechselte, das dreiköpfige Direktorat. Das Institutsteam besteht derzeit aus 37 Personen, die in der Bibliothek und der Verwaltung, als wissenschaftliche und studentische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Professorinnen oder Professor tätig sind. Hinzu kommen ausländische Gäste: Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler sowie Doktorandinnen und Doktoranden. Das Institut betreut die Erasmus- und LL.M.-Angebote der Juristischen Fakultät und alljährlich die Kieler Teams des Philip C. Jessup International Law Moot Court. Ausgangspunkt für die Bibliothek des Instituts bildete die 1905 Theodor Niemeyer vermachte Privatbibliothek des Straßburger Gelehrten Franz Kahn auf dem Gebiet des internationalen Privatrechts. Immer wieder um neue Völkerrechtsgebiete erweitert, fußt ihre Systematik heute noch immer auf Niemeyers Entwurf. Mit über 135.000 Bänden besitzt die Institutsbibliothek nach der Bibliothek des Max-Planck-Instituts in Heidelberg die größte auf Völkerrecht spezialisierte Sammlung in Deutschland. Deren Aufrechterhaltung stellt sich in Zeiten sinkender Haushaltsmittel freilich mehr und mehr als Problem dar. Mit einem spezialisierten Nutzerkreis aus ‚Völkerrechts-Aficionados’ und räumlich verbunden mit dem Institut und seiner Teeküche herrscht in Bibliothek und Institut eine familiäre Arbeitsatmosphäre, die eine echte Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden ermöglicht.

In der Lehre ist das Völkerrecht in Kiel heute in einer in Deutschland singulären Breite vertreten. Das Institut bietet Lehrveranstaltungen zum allgemeinen Völkerrecht, zur Geschichte des Völkerrechts und zur Völkerrechtstheorie, zum Menschenrechtsschutz, zur friedlichen Streitbeilegung und zum Friedenssicherungsrecht, zum Völkerstrafrecht, zum internationalen Seerecht, zum Umweltvölkerrecht und zum Wirtschaftsvölkerrecht, künftig auch zum humanitären Völkerrecht und zum Asyl- und Flüchtlingsrecht. Hinzu kommen Vorlesungen und Seminare zum Europarecht, zur Allgemeinen Staatslehre, zum Verfassungsrecht und zu dessen völker- und europarechtlichen Bezügen. Die Lehrangebote richten sich neben den Studierenden des Schwerpunkts ‚Völker- und Europarecht’ im Rahmen des Jurastudiums an Studierende des interdisziplinären Masterstudiengangs ‚Internationale Politik und internationales Recht’ sowie an Erasmus- und LL.M.-Studierende. Der Großteil der englischsprachigen Lehrangebote der Juristischen Fakultät wird vom Walther-Schücking-Institut zur Verfügung gestellt. Ringvorlesungen und die alle 14 Tage stattfindenden ‚Völkerrechtlichen Tagesthemen’, hervorgegangen aus den von Theodor Niemeyer 1912 ins Leben gerufenen „Völkerrechtlichen Erörterungen politischer Tagesfragen (für Studierende aller Fakultäten): Mittwoch 5-6 Uhr [heute: 13-14 Uhr], publice“[14], wenden sich auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Forschungsschwerpunkte am Institut sind Grundlagen des Völkerrechts, das internationale Seerecht, das Umweltvölkerrecht, der Schutz von Grund- und Menschenrechten, das Friedenssicherungs- und das Konfliktrecht, der Kulturgüterschutz, das Recht der Europäischen Union und das deutsche und vergleichende Verfassungsrecht. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Rahmen des Exzellenzclusters wird ergänzt durch Kooperationen mit den Sozial- und Politikwissenschaften sowie mit Literatur- und Kulturwissenschaften. Publizistisch betreut das Institut auch heute noch das German Yearbook of International Law sowie die Schriftenreihe ‚Veröffentlichungen des Walther-Schücking-Instituts für Internationales Recht’ mit derzeit 188 Bänden.

Das Jubiläumsjahr 2014 wurde vom 7. bis 9. März mit dem internationalen Workshop ‚Law of the Sea in the 21st Century: Stalemate or flexibility to address new challenges?’ eröffnet. Die Ergebnisse eines im Sommer veranstalteten Forschungsseminars ‚Völkerrecht in Kiel’ sollen 2015 in Gestalt eines Sammelbandes vorgelegt werden, der erstmals die Geschichte von Forschung und Lehre des Völkerrechts in Kiel vertieft beleuchten wird. Eine völkerrechtshistorische Ringvorlesung (‚Das Völkerrecht vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Narrative und Konzepte’) im akademischen Jahr 2014/2015 wird die Brücke zwischen der 100-Jahr-Feier des Walther-Schücking-Instituts und der 350-Jahr-Feier der Christiana Albertina schlagen. Zentrale Veranstaltung zum Institutsjubiläum war jedoch eine internationale Konferenz vom 19. bis 21. September 2014, die den programmatischen Titel ‚100 Years of Peace Through Law: Past and Present’ trug. Angesichts der Krise in der Ukraine, des Bürgerkriegs in Syrien und des Terrors der IS-Milizen mag dies nach einer weltfremden Illusion klingen. Das Völkerrecht kann Krieg und Gewalt nicht aus der Welt verbannen, aber es kann zur Einhegung der Kriegsgefahr und zur Eindämmung von Gewalt zumindest einen Beitrag leisten, und es kann Kritik an und Reaktionen gegen Rechtsbrecher legitimieren. Dass in diesem Sinne ‚Frieden durch Recht’ möglich und nötig ist und dass es sich lohnt hierfür einzutreten, ist seit hundert Jahren die gemeinsame Überzeugung der Mitglieder des Kieler Instituts für Internationales Recht.