III. Wiederaufbau und neue alte Traditionen

Wiederaufbau unter Hermann von Mangoldt (1944-1953)

MangoldtBereits zum 1. April 1943 war Hermann von Mangoldt (1895-1953) als Nachfolger Ritterbuschs berufen worden. Dieser war jedoch als Korvettenkapitän im Kriegseinsatz und konnte Lehrstuhl und Institutsleitung daher erst nach seiner erkrankungsbedingten Entlassung aus dem Marinedienst Ende 1944 übernehmen. Von Mangoldt, der zuvor Professor in Tübingen und Jena gewesen war, dürfte zu den wenig nationalsozialistisch belasteten Vertretern seiner Generation zu rechnen sein. Zwar war er wie viele gerade der jüngeren Rechtsprofes­soren (oft aus Karrieregründen) in den BNSDJ eingetre­ten (1934) und hatte 1940 einen Aufnahmeantrag in die NSDAP gestellt; wissenschaftlich jedoch hatte er sich in der NS-Zeit überwiegend in ideologieferner Weise mit dem Verfassungsrecht der USA befasst. Umso verstören­der wirkt deshalb ein 1939 in der Württembergischen Verwaltungszeitschrift veröffentlichter Artikel zu ‚Ras­senrecht und Judentum’, in dem von Mangoldt der NS-Rassen­politik „hohe ethische Ziele“ attestiert.[11] Dass er es am Ende seines Vergleichs der Nürnberger Gesetze mit der rechtlichen Diskriminierung der Farbigen in den Südstaaten der USA dem Leser überlässt zu entscheiden, „zu wessen Gunsten ein Vergleich […] ausfallen müßte“, kann angesichts der klaren Worte über eine „Rassenüberfremdung“ durch „die Juden“ als „artfremdes Volk“ schwerlich als verdeckte Kritik an der Radikalität der NS-Politik gedeutet werden. Die Nachwelt bewahrt von Mangoldt ein anderes Andenken, vor allem als einflussreicher Rechtspolitiker in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland. Von 1946-1950 gehörte er dem Schleswig-Holstei­nischen Landtag an und war 1946 kurzzeitig Innenminister des Landes. Als Mitglied des Parlamentarischen Rates hatte er maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Grundrechtsteils des Grundgesetzes, zu dessen ersten maßgeblichen Kommentatoren er gehörte. Auf das ihm 1951 angetragene Amt eines Richters des neuerrichteten Bundesverfassungsgerichts verzichtete Hermann von Mangoldt, um sich seiner wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können.

Das Institut für Internationales Recht verdankt von Mangoldt viel. Schon kurz nach seinem Dienstantritt sorgte er für eine Auslagerung der Bibliotheksbestände in den Tanzsaal der Bahnhofswirtschaft von Faulück bei Kappeln. Er bewahrte sie so vor der Zerstörung bei den Bombenangriffen auf Kiel, bei denen auch das Institutsgebäude in der Dänischen Straße beschädigt wurde (auch nach dessen Instandsetzung 1947 verbargen sich noch bis in die 1960er Jahre hinein hinter manchen Türen Schutthalden). Nach dem Krieg setzte sich von Mangoldt intensiv für die Wiederbelebung des Instituts ein. Es gelang ihm, dass die Institutsbibliothek 1948 als erste deutsche Bibliothek den Status einer United Nations Depository Library erhielt. Außerdem erwirkte er die Rückführung von über 2000 Büchern aus Institutsbeständen, die Paul Ritterbusch 1943 mittels ministerieller Verfügung nach Berlin hatte verbringen lassen. Eine angesichts knapper Haushaltsmittel dringend nötige zusätzliche finanzielle Absicherung erreichte von Mangoldt über eine Kooperation mit dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR). Dieser finanzierte am Institut eine Abteilung für Funkrecht und die Stelle eines eigens für Fragen des Rundfunk- und Satellitenrechts eingestellten Assistenten. In Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle für Internationales Recht an der Universität Hamburg unter deren Leiter Rudolf von Laun gründete er 1947/48 das ‚Jahrbuch für Internationales Recht’ (bis 1954 ‚Jahrbuch für internationales und ausländisches öffentliches Recht’, seit 1976 ‚German Yearbook of International Law’), das seit dem 15. Band (1971) allein in Kiel herausgegeben wird. Nach ‚Niemeyers Zeitschrift für Internationales Recht’ (1915-1937, bis 1926 am Institut) und der ‚Zeitschrift für Völkerrecht’ (1906-1944, von 1930 bis 1937 in Verbindung mit dem Institut herausgegeben) wird seitdem wieder eine wichtige völkerrechtliche Zeitschrift am Kieler Institut redigiert. Unregelmäßige Ausgaben wegen Papiermangels und Verlagswechsel nach Konkursen zeugen in dieser Zeit von der schwierigen Phase des Wiederaufbaus. Gemeinsam mit der Hamburger Forschungsstelle und dem Institut für Völkerrecht der Universität Göttingen gab das Institut zudem eine Reihe mit völkerrechtlichen Dokumenten heraus. Indem die ‚Veröffentlichungen des Instituts für Internationales Recht’ wieder an die Zählung vor der ‚Neuen Folge’ anknüpften, wurde auch symbolisch der Anschluss an die Traditionslinie Niemeyers und Schückings gesucht – zugleich eine damnatio memoriae der nationalsozialistischen Zeit.

Zurück an die Spitze: die Ära Eberhard Menzel (1955-1972)

Hermann von Mangoldt starb plötzlich und unerwartet am 24. Februar 1953. Zum 1. April 1955 wurde als sein Nachfolger Eberhard Menzel (1911-1979) berufen. Ihm, der als früherer Assistent Rudolf von Launs mehrere Jahre lang die Hamburger Forschungsstelle geleitet hatte, traute die Berufungskommission am ehesten den weiteren Ausbau des Instituts für Internationales Recht zu. Zwar wurde nur wenige Tage später der langjährige Assistent, spätere Extraordinarius und nun Ordinarius am Institut, Viktor Böhmert, auf den Posten eines Zweiten Direktors berufen; prägende Gestalt für die nächsten 15 Jahre jedoch war Menzel, der das Institut mit großem persönlichen Einsatz und patriarchalischer Strenge („immer äußerst kritisch nach innen und schützend nach außen“[12]) wieder zu einer der ersten Adressen für das Völkerrecht in Deutschland machte. Zahlreiche Gutachten für Ministerien, Behörden und Gerichte sowie die Mitwirkung bei der Diplomatenausbildung für das Auswärtige Amt unterstrichen den Anspruch des Kieler Instituts, allenfalls mit dem nach dem Kriege von Berlin nach Heidelberg verlegten Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in wirkliche Konkurrenz treten zu wollen.

MenzelMenzel, der mit der NS-Vergangenheit mancher seiner Fakultätskollegen scharf ins Gericht gegangen war, traf es doppelt hart, als er Anfang Januar 1964 kurz nach seiner Wahl zum Rektor der Christian-Albrechts-Universität mit dem anonym erhobenen Vorwurf konfrontiert wurde, er habe 1938 als Assistent an der Universität Frankfurt a.M. eine Schrift im Geiste des Nationalsozialismus mitverfasst. Welchen Beitrag Menzel zu der Gemeinschaftspublikation leistete, ist nicht leicht zu ermitteln (mit Ausnahme eines Abschnitts, der ideologisch unverdächtig ist). Der Vorfall fügte sich jedoch in eine Reihe von NS-Vorwürfen, die den damaligen Kultusminister Edo Osterloh (selbst aller NS-Sympathien unverdächtig) unter erheblichen politischen Druck gesetzt hatten. Ministerium und Kurator vereinbarten daher mit Menzel, dass dieser unmittelbar nach Bestätigung der Wahl durch das Ministerium sein Amt niederlegen solle. Das Rücktrittsschreiben vom 22. Februar 1964 lässt Menzels Verbitterung über den fehlenden Rückhalt vor allem in der eigenen Fakultät, aber auch seitens des Ministeriums deutlich erkennen. Für jemanden, der sich in Hochschulgremien stets für die Hochschulautonomie stark gemacht hatte, musste es eine besondere Niederlage sein, dass letztlich die Politik, nicht die Universität, das entscheidende Wort gesprochen hatte. Nach Aussage seiner Schüler hat Eberhard Menzel diese Verletzung nie verwunden. Zwar folgte eine Phase intensiver wissenschaftlicher Arbeit, ungeachtet eines ersten Herzinfarkts im Februar 1966, im Herbst 1972 erlitt er jedoch einen gesundheitlichen Zusammenbruch, der ihn dienstunfähig machte. Menzel klammerte sich an die Hoffnung auf Genesung, auch als er im Frühjahr 1975 schließlich selbst um die Versetzung in den Ruhestand bitten musste. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Am 1. Juni 1979 starb Eberhard Menzel in Kiel.

Das wissenschaftliche Werk Menzels ist umfangreich und thematisch weit gespannt. Es reicht vom Seerecht (1967-1969 vertrat er die Bundesrepublik im Streit um den Nordsee-Festlandsockel vor dem Inter­nationalen Gerichtshof) über das Weltraumrecht und den Menschenrechtsschutz bis hin zum vergleichenden Ver­fassungsrecht. Sein Lehrbuch des Völkerrechts wurde von seinem Schüler Knut Ipsen fortgeführt und ist 2014 in 6. Auflage erschienen. Zentrales Thema war aber auch für Menzel die Sicherung des Friedens mit Mitteln des Völkerrechts. Er befasste sich intensiv mit der Arbeit der Vereinten Nationen und plädierte für einen stärkeren Ausbau der Friedenstruppen. Ein weiteres wichtiges The­ma war die atomare Abrüstung. Als Mitglied der Pugwash-Bewegung setzte er sich auch politisch für Abrüstung und Entspannung im Ost-West-Konflikt ein. In seiner Haltung zur ‚Deutschen Frage’ trat er als unabhängiger Kopf schon frühzeitig für einen Ausgleich mit der DDR ein, namentlich auf einem von ihm 1971 am Institut veranstalteten Sym­posium ‚Ostverträge, Berlin-Status, Münchener Abkom­men, Beziehungen zwischen der BRD und der DDR’.

Die aus dem Hochhaus: das Institut im neuen Domizil

HochhausDie Jubiläumskonferenz zum 50-jährigen Bestehen des Instituts 1964 (mit Referaten von Max Sörensen, Ulrich Scheuner, Paul Guggenheim und Konrad Zweigert) fiel zusammen mit einem einschneidenden Ereignis in der Institutsgeschichte: dem Umzug von der zu eng gewordenen Behausung in der Dänischen Straße in das neu errichtete Hochhaus am Christian-Albrechts-Platz. ‚Die aus dem Hochhaus’ wurde für die nächsten Jahrzehnte die vertraute Bezeichnung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, ohne deren Nennung ein Bericht über die Ära Menzel unvollständig wäre. An erster Stelle zu nennen sind Menzels Habilitanden: Dietrich Rauschning, Ordinarius für Völkerrecht in Göttingen, Knut Ipsen, Inhaber des Lehrstuhls für Völkerrecht in Bochum, sowie Jost Delbrück, der nach einem kurzen Aufenthalt in Göttingen 1976 als Nachfolger Menzels nach Kiel zurückkehrte. Zu erwähnen sind ferner Hartwig Bülck, der Schüler Hermann von Mangoldts, der nach dessen Tod 1953 Aufgaben seines Lehrers übernahm und später als Ordinarius an die Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer wechselte, sowie Hans W. Baade, der 1960 mit einer von Viktor Böhmert betreuten Arbeit habilitiert wurde und bis 2001 in Nordamerika lehrte (Duke University, University of Toronto, University of Texas). Während ihres Direktorats betreuten Viktor Böhmert (zwischen 1955 und 1970) 42 Dissertationen und Eberhard Menzel (zwischen 1956 und 1974) nicht weniger als 57, darunter Hans-Joachim Mertens (Professor für Handels- und Gesellschaftsrecht in Frankfurt am Main), Peter Ehlers (Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie), Franz von Benda-Beckmann (Professor in Wageningen/Niederlande und Forschungsleiter der Projektgruppe Rechtspluralismus am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle), Ondolf Rojahn (Richter am Bundesverwaltungsgericht) und Rainer Lagoni (Professor für Seerecht in Hamburg).

Neues Hochschulrecht und Hochschulpolitik: Wilhelm A. Kewenig (1971-1981)

Schon gegen Ende des Direktorats von Eberhard Menzel zeichnete sich ein Wandel in der Binnenkultur des Instituts ab: Infolge der Änderung des Landeshochschulgesetzes 1973 wurde das bis dahin universitätsunmittelbare Institut in die Juristische Fakultät eingegliedert. Außerdem wich die bisherige patriarchalische Struktur mit einem ersten und einem zweiten Direktor einer gleichberechtigten kollegialen Leitung mit wechselnder Geschäftsführung. Neben den erkrankten Menzel trat damit gleichberechtigt der 1971 als Nachfolger Böhmerts nach Kiel berufenen Wilhelm A. Kewenig (1934-1993). Zu den Aktivitäten, die Kewenig am Institut entfaltete, gehörten 1975 ein Symposium zu den ‚Vereinten Nationen im Wandel’ und im folgenden Jahr ein deutsch-amerikanisches verfassungsvergleichendes Symposium ‚Pressefreiheit – Finanzverfassung im Bundesstaat’. Er rief eine neue Schriftenreihe ins Leben (‚Studien aus dem Institut für Internationales Recht’), die durch billigere Produktionskosten Doktorandinnen und Doktoranden günstigere Konditionen bieten sollte. Insgesamt betreute Kewenig in Kiel 16 Dissertationen und eine Habilitation (Siegfried Magiera, von 1984 bis 2008 Ordinarius für Völkerrecht in Speyer). Das Schwergewicht seiner Aktivitäten lag jedoch im Bereich der Wissenschaftspolitik: 1973-1975 war er zunächst als Prorektor, dann als Rektor intensiv mit der Hochschulreform befasst. Von 1976 bis 1979 als Vorsitzender des Wissenschaftsrates beurlaubt, schied Kewenig 1981 mit seiner Wahl zum Abgeordneten und Wissenschaftssenator in Berlin aus der Christiana Albertina aus. Um die Lücken in der Lehre aufzufangen, die durch Kewenigs Beurlaubung entstanden waren, war 1977 Wilfried Fiedler (*1940) auf einen neu geschaffenen dritten Direktorenposten berufen worden. Fiedler, der das Themenspektrum am Institut um das Kulturgüterschutzrecht erweiterte, folgte 1984 einem Ruf an die Universität des Saarlandes.

Eine Ära des Wandels: das Direktorat Jost Delbrücks (1976-2001)

Möglicherweise noch einschneidender für die Institutskultur als die Reform von 1973 war die Berufung Jost Delbrücks (*1935) als Nachfolger Menzels 1976. In den fast 25 Jahren seiner Leitung hat Delbrück das Institut geprägt wie kein anderer Direktor vor ihm. Aus seinem Studienaufenthalt in den USA hatte Delbrück einen kollegialen und kooperativen Führungsstil mitgebracht, der bis heute nachwirkt. Die ‚Delbrück-Schule’ umfasst 31 Doktorandinnen und Doktoranden – und sechs Habilitandinnen und Habilitanden: Karl-Ulrich Meyn (1980, zuletzt Professor und Rektor der Universität Jena), Eibe Riedel (1983, zuletzt Professor in Mannheim), Hans-Joachim Schütz (1990, Professor in Rostock), Stephan Hobe (1996, Professor in Köln), Anne Peters (2000, Professorin in Basel, seit 2013 Direktorin des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg) und Christian Tietje (2000, Professor in Halle-Wittenberg). Wer die sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Profile der Genannten kennt, wird zu dem Schluss kommen müssen, dass Jost Delbrück ‚schulbildend’ vor allem in dem Sinne war, seinen Schülerinnen und Schülern Freiräume zur Entfaltung ihrer persönlichen Interessen zu lassen. Auch hierin lag ein Neuansatz, folgte doch Eberhard Menzel noch der alten Ordinarientradition, Themen zuzuteilen und abweichende Ansichten zwar zu respektieren – allerdings erst nach der gebotenen Karenzzeit für professorale Indignation.

Das powerhouse im Norden: Jost Delbrück und Rüdiger Wolfrum (1982-1993)

Elf Jahre, von 1982 bis 1993, leitete Jost Delbrück das Institut gemeinsam mit dem Nachfolger Wilhelm Kewenigs, Rüdiger Wolfrum (*1941). Wolfrum war Mitglied in der deutschen Delegation auf der dritten Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen gewesen, die das UN-Seerechtsübereinkommen verhandelt hatte, und wirkte anschließend an den Vorbereitungen zur Etablierung der Meeresbodenbehörde und des Internationalen Seegerichtshofs mit; außerdem leitete er die Arbeitsgruppe Völkerrecht bei den Verhandlungen über mineralische Ressourcen in der Antarktis. Als eminenter Seerechtler baute er den seerechtlichen Schwerpunkt am Institut weiter aus. Hierzu zählten neben zahlreichen Veröffentlichungen vor allem die drei großen interdisziplinären Tagungen zur ‚Antarctic Challenge’ in den Jahren 1983, 1985 und 1987 sowie die Tagung ‚Law of the Sea at the Crossroads’ im Jahre 1990. Rüdiger Wolfrum trat 1993 den Posten eines Direktors des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg an und wurde 1996 zum Richter am Internationalen Seegerichtshof gewählt (letzte Wiederwahl 2008), dem er 2005 bis 2008 als Präsident vorstand. Seine Habilitandin Doris König blieb auch nach dem Wechsel Wolfrums nach Heidelberg dem Kieler Institut treu. Nach ihrer Habilitation 1998 in Kiel wechselte sie als Professorin an die Bucerius Law School in Hamburg und ist seit 2014 Richterin im Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts.

Obwohl nicht immer frei von internen Spannungen, galt das Kieler Institut in den Jahren zwischen 1982 und 1993 bundesweit als ‚das’ powerhouse im Völkerrecht. Notorisch erfolgreich in internationalen Moot-Court-Wettbewerben, Ort wichtiger Symposien (Recht auf Information – Schutz vor Information, 1984; Die Reform der Vereinten Nationen, 1987; International and Municipal Law: deutsch-sowjetisches Kolloquium, 1988; Strengthening the World Order: Universalism versus Regionalism, 1989; The Future of International Law Enforcement: New Scenarios – New Law, 1992) und großer Publikationsprojekte. Besonders hervorzuheben sind hier die von Delbrück herausgegebenen ‚Friedensdokumente aus fünf Jahrhunderten’ (1984), die unvollständig gebliebene Neuauflage des Völkerrechtslehrbuchs von Georg Dahm (dem Doktorvater Delbrücks, dessen NS-verstrickte Biographie noch zu schreiben ist) durch Delbrück und Wolfrum (erschienen sind die Teilbände I/1, 1988, I/2 und I/3, 2002) sowie das von Wolfrum herausgegebene ‚Handbuch Vereinte Nationen’.

Weltinnenrecht: Perspektiven einer neuen Völkerrechtsordnung?

Delbrück1995 wurde das Institut zu Ehren seines zweiten Direktors in ‚Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht’ umbenannt. Treibende Kraft hinter dieser Umbenennung war Jost Delbrück, dessen wissenschaftliches Wirken mehr noch als das aller anderen Direktoren in der Tradition Walther Schückings stand. Ein großer Teil seiner Publikationen lässt sich unter das Leitmotiv ‚Frieden durch Recht’ stellen; zeitweilig war er Mitherausgeber der traditionsreichen Zeitschrift ‚Die Friedens-Warte’, die nach dem Tode ihres Gründers, des Friedensnobelpreisträgers Alfred H. Fried, von Hans Wehberg und einige Zeit auch von Schücking selbst herausgegeben wurde (2013 kehrte die Zeitschrift dann erneut an das Institut zurück). Delbrücks Vorsitz in der Förderkommission der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung sowie die Mitgliedschaft in der DFG-Senatskommission für Friedens- und Konfliktforschung unterstreichen, dass er sich auch wissenschaftspolitisch für das Friedensthema engagierte.

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts keimte weltweit die Hoffnung auf, dass eine neue Friedensordnung möglich sei, in der die Vereinten Nationen mit dem lange blockierten Sicherheitsrat an der Spitze eine neue aktive Rolle einneh­men könnten. Tatsächlich hat das Völkerrecht in den Jahr­zehnten nach 1990 einen grundlegenden Wandel erfahren – ungeachtet einer Renaissance souveränitätsbetonter Machtpolitik in jüngster Zeit: Der Ausbau von UN-Missionen und regionalen Integrationsgemeinschaften, die Schaffung neuer internationaler Gerichtshöfe und Strafgerichte, neue Menschenrechtsinstrumente und -institutionen, die Einordnung des Welthandels in die globalen Strukturen der 1994 geschaffenen Welthandelsorganisation (WTO), die wachsende Rolle privater Akteure, namentlich von transna­tional agierenden Wirtschaftsunternehmen und von Nicht­regierungsorganisationen – das alles hat die internationalen Beziehungen tiefgreifend umgestaltet. Jost Delbrück fasste diese Trends erstmals 1993 unter der sowohl beschreibenden als auch die Richtung weisenden Perspektive eines ‚Weltinnenrechts’ zusammen. Damit griff er die Idee einer ‚Weltinnenpolitik’ auf, die Carl Friedrich von Weizsäcker 1963 entworfen hatte, um zu unterstreichen, dass in einer Welt, die auf dem Gemeinschaftsgedanken aufbaut und kooperativ die gemeinsamen Probleme lösen will, die nationalstaatlich gedachte Außenpolitik überwunden werden müsse.[13] War dies 1963 noch Utopie, schien nach dem annus mirabilis 1990 die Realisierung einer Weltinnenpolitik und die Gestaltung eines neuen Weltinnenrechts möglich.

 

Das ‚Weltinnenrecht’ gab für die folgenden Jahre der Arbeit des Instituts eine ideelle Richtung. Zum Ausdruck kam dies in den Symposien jener Jahre, die von Jost Delbrück und später auch von Rainer Hofmann veranstaltet wurden (Allocation of Law Enforcement Authority in the International System, 1994; New Trends in International Lawmaking – International ‘Legislation’ in the Public Interest, 1996; Non-State Actors as New Subjects of International Law, 1998; International Law of Cooperation and State Sovereignty, 2001). Am deutlichsten zeigt sich das weltinnenrechtliche Programm in der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht, die auf Einladung Delbrücks 1999 an jenem Ort stattfand, an dem die Gesellschaft die ersten zwölf Jahre ihren Sitz hatte. Die unter dem Doppeltitel ‚Völkerrecht und Internationales Privatrecht in einem sich globalisierenden internationalen System – Auswirkungen der Entstaatlichung transnationaler Rechtsbeziehungen’ versammelten Referate betrafen Themen, zu denen heute ohne weiteres erneut Tagungen veranstaltet werden könnten: das Spannungsverhältnis zwischen Universalismus und Regionalismus, die Rolle von NGO im Völkerrecht, die Streitbeilegung unter Beteiligung nichtstaatlicher Akteure, die Herausforderungen des Internet an das Völkerrecht.

Zum Sommersemester 2001 trat Jost Delbrück in den Ruhestand. Noch über seine Emeritierung hinaus war er Mitglied und Sprecher der deutschen Gruppe beim Ständigen Schiedshof in Den Haag (1985-2008). Von 1990 bis 2003 besuchte er zudem jedes Jahr als Gastprofessor die Indiana University School of Law, Bloomington, die ihm 2002 die Ehrendoktorwürde verlieh, und war Mitherausgeber des in dieser Zeit neu gegründeten ‚Indiana Journal of Global Legal Studies’. Das Ende der Ära Delbrücks, der dem Institut noch immer verbunden ist, markierte ein weiteres einschneidendes Ereignis im Jahre 2002: ‚Die aus dem Hochhaus’ zogen um in das Gebäude der früheren Universitätsbibliothek am Westring 400. Dies ist die gegenwärtige Heimat des Walther-Schücking-Instituts. Ob tatsächlich die Statik des Hochhauses nach einer Entlastung von der stetig wachsenden Institutsbibliothek verlangte oder ob es lediglich darum ging, das Gebäude nach Umzug der Universitätsbibliothek in die Leibnizstraße einer sinnvollen Nachnutzung zuzuführen, ist bis heute Gegenstand konkurrierender Überlieferungen.

Personelle Wechsel und neue Themen (1997-2011)

Die Wiederbesetzung des Direktorenpostens, der infolge des Wechsels von Rüdiger Wolfrum nach Heidelberg 1993 vakant geworden war, hatte sich als zähes Unterfangen erwiesen. Erst 1997 konnte er mit Rainer Hofmann (*1953) besetzt werden, zu dessen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten am Institut das Europarecht sowie der Menschenrechts- und Minderheitenschutz zählten. Während seiner Kieler Jahre war Hofmann u.a. Mitglied des Vorstands des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen und Mitglied und Vorsitzender des Beratenden Ausschusses unter der Rahmenkonvention des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten. In seinen sieben Jahren am Institut betreute Hofmann, der zum 1. Oktober 2004 an die Universität Frankfurt am Main wechselte, rekordverdächtige 56 Dissertationen. Sein Nachfolger wurde 2006 Thomas Giegerich (*1959), der in Kiel vor allem zum Europarecht, zum Menschenrechtsschutz und zur Verfassungsvergleichung arbeitete. Im Rahmen der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei war er im Auftrag der Europäischen Kommission als Experte für die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der Justiz tätig. Zum Wintersemester 2012/13 übernahm Giegerich die Leitung des Europa-Instituts der Universität des Saarlandes.

Nachfolger Jost Delbrücks war bereits im Oktober 2001 Andreas Zimmermann (*1961) geworden. Zimmermanns Forschungsschwerpunkte lagen während seiner Kieler Jahre auf dem allgemeinen Völkerrecht, dem Völkerstrafrecht, dem humanitären Völkerrecht, dem Flüchtlings- und Asylrecht sowie auf den Außenbeziehungen der Europäischen Union. Er war in mehreren Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof als Prozessvertreter und zweimal am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als Richter ad hoc beteiligt. Bei der Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs war er Mitglied der Arbeitsgruppe ‚The principle of complementarity in practice’. Als sichtbare Gemeinschaftsprodukte fallen in diese Zeit die von Zimmermann (mit-)herausgegebenen englischsprachigen Kommentare zum Statut des Internationalen Gerichtshofs (2006, 2. Aufl. 2012) und zur Genfer Flüchtlings-Konvention (2011). 2008 erhielt Zimmermann ein Opus-magnum-Stipendium der Volkswagenstiftung für sein Forschungsprojekt ‚Africa and International Law’, das ihn nach Potsdam begleitete, wo er zum 1. Oktober 2009 als Direktor das dortige Menschenrechts-Zentrums übernahm. Es ist maßgeblich Andreas Zimmermanns Verdienst, dass im Rahmen des Kieler Exzellenzclusters ‚Ozean der Zukunft’ eine neue Professur (W2) für Seerecht geschaffen wurde. Diese konnte im September 2007 mit Alexander Proelß (*1973) besetzt werden, der bis zum Wechsel auf eine Professur (W3) an der Universität Trier im Herbst 2010 das internationale See- und Umweltrecht in Forschung und Lehre vertrat.

Themen der Symposien am Institut waren in den 2000er Jahren: International Criminal Law and the Current Development of Public International Law (2002), Unity and Diversity in International Law (2004), Die Reform der Vereinten Nationen – Bilanz und Perspektiven (2005, Symposium in Berlin in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und der Friedrich-Naumann-Stiftung), A Wiser Century? Judicial Dispute Settlement, Disarmament and the Laws of War 100 Years after the Second Hague Peace Conference (2007), Der ‚offene Verfassungsstaat’ des Grundgesetzes nach 60 Jahren: Anspruch und Wirklichkeit einer großen Errungenschaft (2009). Hinzu kamen interdisziplinäre Workshops zu seerechtlichen Fragen. 2012 schließlich fand die 72. Jahrestagung des Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer in Kiel statt, die maßgeblich vom Walther-Schücking-Institut organisiert wurde. Die Wechsel in der Institutsleitung erschlossen auch in der Lehre zusätzliche Themenfelder. Das internationale Seerecht, in früheren Jahren von dem Lehrbeauftragten und späteren Honorarprofessor, Uwe Jenisch, gelesen, wurde von Alexander Proelß übernommen und um das internationale Umweltrecht erweitert; Andreas Zimmermann führte regelmäßige Vorlesungen zur friedlichen Streitbeilegung und zum Völkerstrafrecht ein, Rainer Hofmann und Thomas Giegerich Veranstaltungen zum internationalen Wirtschaftsrecht.