II. Das Institut im Nationalsozialismus

Die ‚Säuberungen’ an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät

Angesichts des klaren Bekenntnisses Schückings für Frieden und internationalen Ausgleich kam seine ‚Beurlaubung’ im April 1933 kaum überraschend, auch wenn diese offiziell mit Rücksicht auf seine Tätigkeit beim Haager Weltgerichtshof erfolgte (im November wurde er dann förmlich entlassen – wegen ‚politischer Unzuverlässigkeit’ auf Grundlage von § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums). Schon zuvor waren Vorträge durch Angehörige der NS-Studentenschaft gestört worden. Walther Schücking blieb als Richter im Haag, wo er am 25. August 1935 im Alter von 60 Jahren starb. Zu seinen Ehren trägt das Institut seit 1995 den heutigen Namen ‚Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht an der Universität Kiel’.

Das Institut wurde nach der Absetzung Schückings zunächst kommissarisch von Curt Rühland, dann ab 1934 von Walter Schoenborn (1883-1956) geleitet. Von den zehn juristischen Ordinarien (darunter der Republikaner Hermann Kantorowicz, der frühere Nationalbolschewist Hans von Hentig sowie der als Jude verfolgte Gerhart Husserl) war Schoenborn der einzige, der die NS-‚Säuberungswelle’ überstanden hatte. Vermutlich lag dies daran, dass er mit seiner deutschnationalen Haltung und einer in Publikationen und Lehrveranstaltungen dokumentierten Ablehnung des Vertrags von Versailles keinen Anlass für eine Entfernung aus dem Amt bot. Schoenborn war Mitglied des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen (BNSDJ) – dem späteren Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund (NSRB) – sowie förderndes Mitglied der SS, jedoch nicht Mitglied der NSDAP. Mit nationalsozialistischen Äußerungen ist er – sieht man von der Kommentierung einer Führerrede von 1935 ab, die er als ein Bekenntnis zu Grundprinzipien des Völkerrechts las – nicht hervorgetreten, freilich auch nicht mit Kritik. Möglicherweise schützte Schoenborn, den Zeitgenossen als einen extrem kurzsichtigen und eigenbrötlerischen Junggesellen mit enzyklopädischen Völkerrechtskenntnissen beschrieben, der Ruf des Kauzigen vor größeren Zudringlichkeiten der neuen Machthaber.

Muddling through? Das Institut in den ersten Jahren des Nationalsozialismus

Die Titel der Publikationen und Dissertationen aus dem Institut verraten in jenen Jahren noch wenig vom neuen Ungeist. Veröffentlichungen behandelten ‚Die technischen Fragen des Küstenmeers’ (Fritz Münch, 1934), ‚Die rechtliche Unzulässigkeit der Verwendung französischer Truppen im Saargebiet’ (Curt Rühland und Viktor Böhmert, 1934), ‚Artikel 19 der Völkerbundsatzung’ (Viktor Böhmert, 1934), das Ostgrönland-Urteil des Ständigen Internationalen Gerichtshofs (Wolfgang Haver, 1937) und die Rechtslage am Suezkanal (Herbert Monath, 1937). Drei von Rühland betreute Dissertationen befassten sich mit der ‚Anfechtbarkeit internationaler Schiedssprüche aus den in der Person des Richters begründeten Mängeln’ (Rudolf Neumann, 1934), der ‚Beendigung des völkerrechtlichen Mandats durch Zweckerreichung’ (Freimut Springe, 1934) und dem Privateigentum im Seekriegsrecht (Richard Weskott, 1935).[8] Weiteres Zeugnis von Ungleichzeitigkeit im Prozess der ‚Gleichschaltung’ mag sein, dass die Fakultät zwischen 1934 und 1938 mehreren von Schücking betreuten Dissertationen die Druckerlaubnis erteilte, darunter drei Arbeiten zum Völkerbund – aus dem Deutschland schon im Oktober 1933 ausgetreten war.

Stärker bemerkbar machten sich die Veränderungen im Bereich der Lehre. Schückings Vorlesung zur Geschichte der Friedensidee passte naturgemäß nicht mehr ins geistige Klima jener Zeit. Während Schoenborn v.a. Veranstaltungen zur Völkerrechtsgeschichte und – wie bereits in Weimarer Zeit – zur Kriegsschuldfrage anbot und Rühland v.a. Vorlesungen und Übungen zum allgemeinen Völkerrecht und internationalen Privatrecht abhielt, dozierte Hermann Held neben Vorlesungen zum Kriegsrecht (WS 1933/34, WS 1935/36, SS 1936), zur friedlichen Streitbeilegung (WS 1934/35, WS 1935/36), zum Außen- (SS 1935) und Weltwirtschaftsrecht (WS 1933/34, SS 1936) u.a. regelmäßig zum ‚Diktat von Versailles’ und im Sommer 1934 (einmalig) zur ‚Völkerrechtspolitik des Nationalsozialismus’. Viktor Böhmert hielt die Vorlesungen ‚Die europäischen Grenzen (insbesondere die deutschen Ostgrenzen) und das Völkerrecht’ (SS 1934), ‚Der Völkerbund und seine Probleme’ (WS 1934/35), ‚Deutschland und der Völkerbund’ (WS 1935/36) und ‚Recht der nationalen Minderheiten’ (SS 1935, SS 1936).

Die Leitung durch einen allseits respektierten, aber etwas isolierten Ordinarius, der bereits seit 1920 der Fakultät angehörte, wie auch eine gewisse Randständigkeit des Völkerrechts in den ersten Jahren der NS-Herrschaft könnten das Institut in jener Zeit im Großen und Ganzen davor bewahrt haben, allzu sehr in den Sog der ‚Kieler Schule’ zu geraten. Die durch politisch oder rassistisch motivierte Entlassungen und Versetzungen frei gewordenen Lehrstühle der – früher als liberal und sozialdemokratisch bekannten – Fakultät wurden 1933 mit aufstrebenden jungen Privatdozenten besetzt, die sich dem neuen System bereitwillig andienten und an einer Erneuerung von Rechtswissenschaft und Rechtslehre im Geist des Nationalsozialismus arbeiteten. Auch wenn die selbst ernannte ‚Kieler Schule’ durch Wegberufungen nur kurze Zeit wirkte (die meisten ihrer Mitglieder allerdings hatten auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs glanzvolle akademische Karrieren):[9] der Umbau der Kieler Fakultät zu einer NS-‚Stoßtrupp­fakultät’ blieb wissenschaftspolitisches Programm, das 1937 schließlich mit einiger Verzögerung auch das Institut für Internationales Recht erfasste.

Nationalsozialistische Neuausrichtung unter Paul Ritterbusch

RitterbuschDer vakante Lehrstuhl Schückings wurde 1936 mit Paul Ritterbusch (1900-1945) besetzt. Der überzeugte Nationalsozialist war 1933 – gegen den Willen der dortigen Fakultät – an die Universität Königsberg berufen worden und leitete dort seitdem das Institut für Politik, ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Mit Ritterbuschs Wechsel an die Christian-Albrechts-Universität wurde auch das Königsberger Institut nach Kiel verlagert und am 1. November 1937 mit dem Kieler Institut zum ‚Institut für Politik und Internationales Recht’ vereinigt. Damit einher ging eine Umstrukturierung. Hatte das Institut bis dahin noch immer die beiden Abteilungen für internationales Privatrecht (Leitung Curt Rühland) und für Völkerbundfragen (Leitung Viktor Böhmert) unterhalten, gliederte sich das ‚vereinigte’ Institut nunmehr in vier Abteilungen. Die I. Abteilung (Politik [Staatslehre]) wurde von Ritterbusch selbst geleitet, stramm im Geiste der neuen Zeit und assistiert von Anton Baehr (gefallen 1944), der 1939 mit einer ideologisch imprägnierten Arbeit (‚Katholische Solidarität und Volksgemeinschaft’) in Kiel promoviert wurde. Der II. Abteilung (Auslandskunde) stand ein Schüler Ritterbuschs vor, der 1938 mit einer Arbeit zum NS-Verwaltungsrecht habilitierte Richard Naumann (1906-1978) (nach dem Krieg wurde er Präsident des OVG Lüneburg und Vizepräsident des Niedersächsischen Staatsgerichtshofs). Die III. Abteilung (Völkerrecht) stand unter der Leitung Walter Schoenborns; als Assistent firmierte ein weiterer Doktorand Ritterbuschs, Georg Hahn (geb. 1913), dessen Dissertation (Kiel, 1938) eine europäische Völkerrechtsordnung auf völkischer Grundlage zum Gegenstand hatte. Die Leitung der IV. Abteilung (Internationales Privatrecht) schließlich lag nach dem Wechsel Curt Rühlands auf einen Lehrstuhl in Greifswald (1937) in den Händen von Viktor Böhmert.

Da Ritterbusch bereits 1937 zum Rektor der Christiana Albertina ernannt wurde, war er kaum in die Institutsarbeit eingebunden. Die praktische Geschäftsführung lag bei Schoenborn, nach dessen selbst erbetener Entlassung aus dem Amt eines Mitdirektors 1940 dann bei Naumann, zeitweilig unterstützt von einem anderen Zögling Ritterbuschs, dem linientreuen Hans-Helmut Dietze (1911-1946). Als Rektor kümmerte sich Ritterbusch um die nationalsozialistische Ausrichtung der ‚Grenzlanduniversität des Nordischen Raumes’, stellte sich allerdings auch schützend vor die im Verdacht politischer Unzuverlässigkeit stehenden Fakultätsmitglieder Eugen Wohlhaupter und Viktor Böhmert. Ritterbuschs wissenschaftliche Arbeit beschränkte sich im Wesentlichen auf die Betreuung einiger weniger Dissertationen, namentlich zur preußischen Verfassungsgeschichte. Die von Theodor Niemeyer gegründete Schriftenreihe des Instituts wurde unter ihm ab 1939 als ‚Neue Folge’ neu gezählt, um vor allem der NS-Ideologie verpflichtete Schriften aufzunehmen. Das markanteste Ereignis in der Zeit des Direktorats Ritterbuschs war eine wissenschaftliche Tagung, die aus Anlass des 25. Jubiläums des Instituts vom 29. März bis 1. April 1939 stattfand. Auf dieser Tagung entwickelte Carl Schmitt erstmals seine bis heute (allzu?) einflussreichen Gedanken zu einer ‚Völkerrechtlichen Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte’.

Das Interregnum der Jahre 1941-1944

Bereits seit 1940 war Ritterbusch im Auftrag des Reichserziehungsministeriums nebenamtlich als Koordinator des ‚Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften’ (‚Aktion Ritterbusch’) tätig; 1941 erhielt er hauptamtlich den Posten eines stellvertretenden Abteilungsleiters im Range eines Ministerialdirigenten. Er gab seinen Lehrstuhl in Kiel auf und wechselte an die Berliner Universität. Die beiden Institutsassistenten, Dr. Baehr und Dr. Hahn, begleiteten ihn nach Berlin, ebenso beträchtliche Teile des Mobiliars und der Institutsbibliothek. Sein Nachfolger im Kieler Rektorat und Freund, der Mediziner Hanns Löhr, würdigte Ritterbusch in seiner Rektoratsrede 1941 mit den Worten:

„Paul Ritterbusch lehrte uns in seinem historischen vierjährigen Rektorat – und hier ist sein unablässiges, man muß sagen, fanatisches Streben nur mit dem bedeutsamen Wirken eines Welcker und eines Droysen für unsere Universität selbst bis in einzelne Züge hinein vergleichbar – hier lehrte er uns über das Wesen des Politischen, der politischen Wissenschaft und über die Bedeutung des wirklich politischen, nationalsozialistischen deutschen Professors...“[10]

Das Institut wurde nach dem Ausscheiden Ritterbuschs von dessen früherem Königsberger Institut entflochten und wieder in ‚Institut für Internationales Recht’ zurückbenannt. Seine zwei Abteilungen (für Völkerrecht und für internationales Privatrecht) wurden von Walter Schoenborn und Viktor Böhmert geleitet; letzterer war ab 1940 zeitweilig an die Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes abgeordnet. Kommissarischer Direktor des Instituts wurde der Zivilrechtler Karl Larenz. Forschung und Lehre lagen in jenen Kriegsjahren am Institut wie an der gesamten Universität brach. Die meisten Institutsmitglieder befanden sich im Kriegseinsatz, die Zahl der Jurastudierenden war bereits im Sommersemester 1941 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät auf 15 Personen gesunken. Nur mit Mühe entging das Institut wie die Universität insgesamt der Schließung.