I. Von der Gründung bis zum Ende der Weimarer Republik

Theodor Niemeyer: ein idealistischer Rechtspositivist

Niemeyer
Mit Erlass vom 9. Dezember 1913 wurde das ‚Königliche Seminar für Internationales Recht’ errichtet (ab 1918 trug es den Namen ‚Institut’). Es erhielt am 5. Februar 1914 eine Satzung und nahm in der Dänischen Straße 15 in der Kieler Altstadt den Betrieb auf. Es war damals das einzige Univer­sitätsinstitut seiner Art überhaupt, nicht nur in Deutschland. Der Gründungsdirektor, Theodor Niemeyer (1857-1939), bekleidete an der Christiana Albertina seit 1894 ein Ordinariat für Römisches Recht und Reichszivilrecht, hatte sich aber nach Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs am 1. Januar 1900 mehr und mehr dem Völkerrecht zugewandt, mit dem er vor allem als Dozent (1894-1907) an der Kaiserlichen Marineakademie in Berührung gekommen war. Im August 1912 hatte er auch formell einen Lehrauftrag für ‚Völkerrecht, Internationales Recht und Kolonialrecht’ erhal­ten. Als Wissenschaftsorganisator hatte Niemeyer großen Einfluss auf die Entwicklung der Völkerrechtswissenschaft seiner Zeit: Er war Mitglied im exklusiven Zirkel des Institut de Droit International, gab den Anstoß zur Gründung der deutschen Sektion der International Law Association sowie zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht, die sich am 24. März 1917 in Berlin konstituierte und der Niemeyer bis 1929 vorstand. Daneben wirkte er als Berater für die Kaiserliche Marine und das Auswärtige Amt. Sein augenscheinlich beachtliches Talent als Organisator machte sich auch im Kultur- und Sozialleben der Stadt bemerkbar: Als Vorsitzender des Vereins der Musikfreunde (1905-1912 und 1920) trug Niemeyer maßgeblich zur Gründung des Philharmonischen Orchesters der Stadt Kiel bei („mit positiver Aggressivität, Dynamik und Diplomatie"[2]) und war eine treibende Kraft bei der Errichtung des Studentenheims Seeburg im Jahre 1909.

Wie die meisten Zeitgenossen Rechtspositivist, stand Niemeyer gleichwohl quer zum völker-rechtlichen Mainstream seiner Zeit. Für ihn war es das durch Vereinbarungen souveräner Staaten gesetzte positive Völkerrecht selbst, das den Weg in eine neue internationale Ordnung wies. Globale Verwaltungsunionen wie der Weltpostverein oder die Internationale Fernmeldeunion und die wachsende Zahl multilateraler Abkommen: all dies war für ihn Beleg dafür, dass internationale Kooperation zunehmend in ein Völkerrecht Einzug hielt, das nach der damals vorherrschenden Sicht vor allem dazu diente, die staatlichen und imperialen Machtansprüche international zu koordinieren. Die Völkerrechtswissenschaft hatte zwar auch für Niemeyer den geltenden Rechtsstoff „so reich und umfassend wie möglich zu sammeln“, zu dokumentieren und interpretatorisch zu entfalten; dabei aber hatte sie sich am „Gemeinfortschritt im Verhältnis der Staaten unter dem Maßstab“ eines durchaus idealistisch gedeuteten „Rechtsgedankens“ zu orientieren, der nationale Egoismen überwinden musste.[3]

Der Weltkrieg 1914-1918: Zentrum des Forschungsinteresses

DomizilDer Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wurde für das neu gegründete Institut zu einem entschei­denden Wendepunkt. Für die nächsten Jahre war die Aufmerksamkeit vollständig auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Weltkrieg gelenkt. Dabei trieb Niemeyer wie viele Zeitgenossen der Wunsch nach Zeu­genschaft und Dokumentation ebenso an wie der Drang, die Ursachen des Krieges zu erforschen. Gemeinsam mit Karl Strupp gab er ab 1916 ‚Die Völkerrechtlichen Urkunden des Weltkrieges’ heraus und veröffentlichte später eine ‚Völkerrechtliche Chronologie des Weltkrieges 1914-1919’. Die umfangreiche ‚Weltkriegsbibliothek’ des Instituts, eine einzigartige Sammlung internationaler Literatur zu rechtlichen und politischen Fragen des Ersten Weltkriegs, harrt noch der Erschließung.

Im Mittelpunkt der Forschungs- und Dokumentationstätigkeit am Institut stand ab 1916 das ‚Kriegsarchiv des Völkerrechts’, das dazu dienen sollte, „die Tatbestände, die Streitfragen, die Entwicklungsprobleme, welche der Krieg gebracht hat, im Hinblick auf die künftige Beurteilung und als Grundlage der weiteren Entwicklung […] für die allgemeine Verwertung bereitzustellen“[4]. An der Sammlung der rund 400.000 Zeitungsausschnitte, 20.000 Abhandlungen, 1.000 Bücherreferate und 30.000 sonstigen Mitteilungen, die am Ende insgesamt rund 2.400 Archivkästen umfasste (diese werden heute im Landesarchiv in Schleswig verwahrt), waren zeitweise bis zu 80 Mitarbeiter und 30 Angestellte beteiligt. Die Sammeltätigkeit war der Sektion A anvertraut, während die Sektion B die Materialsammlung wissenschaftlich begleitete. Neben Vertretern von Völkerrechtswissenschaft und -praxis gehörten der Sektion B des ‚Kriegsarchivs’ auch Historiker und Wirtschaftswissenschaftler an. Aus dieser Sektion heraus erfolgte 1917 auch die bereits erwähnte Initiative zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht (seit 2011 Deutsche Gesellschaft für Internationales Recht).

Bei allem Patriotismus – er hatte sich 1914 freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet und verteidigte noch 1917 den deutschen Einmarsch in Belgien als „militärische Notwendigkeit und eine staatliche Lebensfrage“ aus dem Geist eine „Notrechts“[5] – blieb Niemeyers Glaube an die Überwindung des Krieges durch das Völkerrecht ungebrochen. Dies belegt sein Beitrag zu einem ‚Gruß der Universität Kiel an ihre Kommilitonen im Felde’ von 1916:

Uns leitet bei unseren Arbeiten die Überzeugung von der soziologischen Notwendigkeit des Völkerrechts als der Anwendung des Rechtsgedankens auf das Verhältnis der Staaten […]. Wir denken, so lange der Wille zur Macht die Politik der Staaten leitet, werde es Kriege geben, und wir denken, so lange nicht das Bewusstsein internationaler Interessensolidarität und der Wille gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Helfens die Staatenpolitik bestimmt, ebenso lange wird auch während des Friedens im Hintergrund der internationalen Verständigung der Krieg lauern, und notgedrungen werde die Rücksicht auf ihn auch den letzten Maßstab der internationalen Politik bilden. Wir glauben aber in tiefster Überzeugung an das Fortschreiten und an den endlichen Sieg des Gemeinschaftsgedankens, also an die Zukunft des Völkerrechtes, auf dem Grunde der Vernunft.[6]

Neue Forschungsperspektiven: Völkerbund und internationale Schiedsgerichte

Mit dem Ende des Weltkriegs verschob sich der Fokus der Forschungstätigkeit am Institut. Neben Themen aus dem Kriegs- und Kriegsfolgenrecht, dem Seerecht und dem internationalen Privatrecht lag der Schwerpunkt vor allem auf der internationalen Friedensordnung, die unter der Ägide des Völkerbundes entstand. Auf Niemeyers Anregung hin veröffentlichte 1919 die engagierte Pazifistin Anna Bernhardine Eckstein, die schon während des Krieges in ‚Niemeyers Zeitschrift für Internationales Recht’ publiziert hatte, in der Schriftenreihe des Instituts eine Denkschrift über einen ‚Staatenschutzvertrag zur Sicherung des Weltfriedens’. 1922 wurde eine Mitarbeiterin der Institutsbibliothek, Anna Strecker, mit der Arbeit ‚Der Versailler Völkerbund und der deutsche Gegenentwurf’ promoviert. Gemeinsam mit den Instituts-Assistenten Curt Rühland (1891-1987) und Jean Spiropoulos (1896-1972, später Professor in Thessaloniki und Athen, 1958-1967 Richter am Internationalen Gerichtshof) gab Niemeyer selbst 1926 den Band ‚Der Völkerbund. Verfassung und Funktion’ heraus. Gleich mehrere Dissertationen widmeten sich den auf Grundlage des Versailler Vertrags geschaffenen gemischten Schiedsgerichten, vor denen Staatsangehörige der alliierten und assoziierten Mächte Ansprüche in Bezug auf Kriegshandlungen geltend machen konnten. Daneben traten weitere Dokumenteneditionen wie die umfangreiche Sammlung ‚Friedensverträge, Völkerbunddokumente, Vergleichs-, Schieds-, und Sicherheitsverträge, Allianzverträge (1919-1926)’.

 

Walther Schücking: Frieden durch Recht und internationale Organisation

SchückingDie Arbeit an diesen Themen wurde unter Niemeyers Nachfolger, Walther Schücking (1875-1935), fortgesetzt und intensiviert. Der 1926 auf den Lehrstuhl für Völker­recht und internationales Privatrecht berufene Schücking war, neben seinem engen Weggefährten Hans Wehberg, einer der wenigen Pazifisten unter den deutschen Völkerrechtlern. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er publizistisch für eine umfassende Friedensordnung eingetreten, die eine starke und handlungsfähige Weltorgani­sation und Gerichte benötigte. Misstrauen und offene Anfeindungen hatte er wegen dieser Haltung nicht nur während des Weltkriegs erlebt. Die Berufung Schückings, der zuvor in Marburg und seit 1921 an der Berliner Handelshochschule tätig war, an die Christiana Albertina verdankte sich dem Einfluss des liberal und demokratisch gesinnten preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker. Für diesen nahm die Kieler Universität nach einem viel zitierten Selbstbekenntnis unter den zwölf preußischen Universitäten die Vorzugsstellung ein, die der Apostel Johannes unter den Jüngern Jesu besaß. Um die Berufung eines renommierten Völkerrechtlers zu gewährleisten, wurde das Institut erstmals mit einem Etat aus dem Staatshaushalt versehen.

Im Vergleich zu Niemeyer deutete Schücking die Aufgabe des Völkerrechtlers politischer und stärker auf die Gestaltung des künftigen Rechts, auf die lex ferenda, ausgerichtet. Während Niemeyer vor allem als Berater Kontakt zur Politik hielt, mischte Schücking sich ein: 1918 war er vom Rat der Volksbeauftragten zum Vorsitzenden der sog. Schücking-Kommission ernannt worden (weitere Mitglieder waren u.a. Hans Delbrück, Albrecht Mendelssohn-Bartholdy und Max Weber), die Vorwürfen der Misshandlung von Kriegsgefangenen nachgehen sollte; von 1919 bis 1928 vertrat er den Wahlkreis Hessen-Nassau im Reichstag und engagierte sich in der Interparlamentarischen Union. Als Mitglied der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen hatte Schücking den Versailler Vertrag wegen dessen Einseitigkeit und Unverhältnismäßigkeit scharf kritisiert. Für ihn, der ‚Frieden durch Recht’ als sein Motto gewählt hatte (man kann dies noch heute auf einem Gedenkstein in Kassel lesen), war nur durch ein gerechtes Völkerrecht dauerhafter Frieden zu erreichen.

Ein ‚Leuchtturm’ des Völkerrechts: das Institut unter Walther Schücking

Die Publikationstätigkeit des Instituts wuchs unter Schücking deutlich an. Neben Fragen des allgemeinen Völkerrechts standen, kaum überraschend, vor allem Fragen des Völkerbundes, der internationalen Gerichtsbarkeit und der Kriegsfolgenregelung im Mittelpunkt. Zusammen mit Hans Wehberg verfasste Schücking einen zwischen 1921 und 1931 in drei Auflagen erschienenen einflussreichen Kommentar zur Satzung des Völkerbundes. Das Institut gab unter Schückings Ägide die Urteile des Ständigen Internationalen Gerichtshofs in deutscher Übersetzung heraus. Zwei neue Schriftenreihen (neben den bereits von Niemeyer begründeten ‚Veröffentlichungen des Instituts für Internationales Recht’) waren der ‚fortschreitenden Kodifikation des internationalen Rechts’ sowie der ‚Reform und Kodifikation des Völkerrechts’ gewidmet. Das Kieler Institut für Internationales Recht stand in den 1920er Jahren an der Spitze der Völkerrechtswissenschaft in Deutschland: Mit seiner umfangreichen Bibliothek, einer Riege hochqualifizierter Mitarbeiter und Dozenten und seiner in Breite und Qualität herausragenden publizistischen Tätigkeit erwuchs ihm eine – produktive – Konkurrenz erst allmählich durch das 1924 in Berlin gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut (später Max-Planck-Institut) für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, das ab 1929 mit der ‚Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht’ auch ein eigenes Publikationsorgan erhielt.

Schücking gelang es innerhalb kurzer Zeit, Studierende für das Völkerrecht zu interessieren. In einem Schreiben an den Kurator der Universität vom 7. Oktober 1930 bemerkte er, dass „durch die Steigerung der Zahl der Seminarteilnehmer, die im Durchschnitt im Semester auf 80-90 Mitglieder anzusetzen ist, die notwendigen Arbeitsplätze für die einzelnen Studenten nicht mehr zu beschaffen sind“.[7] An den völkerrechtlichen Übungen nahmen im selben Jahr 123 Studierende teil. Das völkerrechtliche Lehrangebot in Kiel war reichsweit konkurrenzlos. Neben Schückings Vorlesungen zum Allgemeinen Völkerrecht und zur Geschichte der Friedensidee behandelten Spezialvorlesungen die internationale Gerichtsbarkeit, die Schlichtung von Staatsstreitigkeiten nach Völkerrecht, die Grundzüge des internationalen Verwaltungsrechts, das Weltwirtschaftsrecht, das internationales Verkehrsrecht; weitere Veranstaltungen befassten sich u.a. mit dem Vertrag von Versailles, den gemischten Schiedsgerichten und der Geschichte des Völkerrechts seit 1918. Dozenten waren neben Schücking selbst sein Fakultätskollege Walter Schoenborn sowie die Assistenten und Privatdozenten Hermann Held (seit 1921 am Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr tätig), Curt Rühland (seit 1921), Jean Spiropoulos (1926-1928), Viktor Böhmert (seit 1927) und Walter Schätzel (1928-1931). Als einer der international profiliertesten deutschen Völkerrechtler und Verfechter einer friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten wurde Walther Schücking 1930 als erster und einziger Deutscher zum Richter des Ständigen Internationalen Gerichtshofs gewählt. Während seiner Aufenthalte in Den Haag oblag die Leitung der Institutsgeschäfte dem Ersten Assistenten, Curt Rühland.